Es war der Herbst des Jahres 1932. Abend lag über der deutschen Republik, und das Ende aller Freiheiten und Rechte dämmerte herein. Der letzte große Prozeß, in dem Litten tätig war, ging um einen Überfall, den Nationalsozialisten auf die Kolonie „Felsenecke“ unternommen hatten und dem Kommunisten entgegengetreten waren. In dem Getümmel war ein Nationalsozialist namens Schwartz zu Tode gekommen. Wer den Streich gegen ihn geführt hatte, war nicht zu ermitteln gewesen.

Als dann Hitler regierte, griffen die Behörden, von neuem Geist beseelt, viele der blutigen Vorfälle der Bürger-Guerilla wieder auf, stellten neue Erhebungen an, verurteilten Kommunisten und Sozialisten, die mit einer Gefängnisstrafe weggekommen waren, zum Tode, sperrten andere ein, die vorher für unschuldig befunden worden waren; die Nazi-Bürgerkrieger waren seither gebührend geehrt worden und fungierten jetzt als klassische Zeugen. Im Verlauf der Wiederaufnahme des Felsenecke-Prozesses wollte man von Litten, nun Insasse eines Konzentrationslagers, erfahren, wer eigentlich jenen Schwartz vom Leben zum Tode gebracht hatte. Das wußte er wahrscheinlich nicht, wollte es aber jedenfalls, treu seiner Anwaltspflicht, nicht sagen. Darum wurde die Tortur gegen ihn angewendet, und er versuchte Selbstmord, um sich selbst den Mund zu verschließen.

Auf der Höhe seiner Moabiter Tätigkeit habe ich Litten einmal zugeredet, er möge weniger intransigent sein, es manchmal billiger geben und nicht immer alles auf die Spitze treiben; wir würden ihn sonst nicht lange in Moabit behalten und könnten ihn doch gut brauchen. Er hat erwidert, er sei überzeugt, es werde ohnehin nicht lange mehr mit unserem Rechtswesen dauern, schon deshalb sehe er keinen Grund zu Konzessionen.

Ich muß gestehen, er sah die kommenden Dinge genauer als ich.

Hans Litten war ein franziskanischer Mensch, und da er einmal in die Juristerei verschlagen war, so stand er fürs Recht, unnachsichtlich, nicht für billigen Vergleich, nicht für Kompromisse. Das Recht ist immer die Sache der Schwachen; die Starken brauchen kein Recht, und nur zu sehr sind sie geneigt, da sie ja die Macht haben, ohne Recht auszukommen.

Der franziskanische Mensch Hans Litten wäre vielleicht unangefochten durch die republikanische Periode und ins Dritte Reich gewandert, hätte ihn nicht sein Beruf zum Kämpfer ums Recht gemacht. So aber kam er, unvermeidlich, in Konflikt mit den durch Rechtsbruch Heraufsteigenden wie mit den offiziellen Rechtswahrern, als sie anfingen, weich gegen die Rechtsbrecher zu werden und sich also gegen Rechtskämpfer verhärten mußten. Gefängnis, Tortur und Tod hat er fürs Recht erlitten. Er ward, schon im dämmernden Morgen nach dem Reichtagsbrand, verhaftet.

Frau Litten berichtet von dem Versuch eines nationalsozialistischen Ministers, eine Milderung des Schicksals ihres Sohnes zu erreichen: „Hitler lief blaurot im Gesicht an, als er den Namen hörte.“ Da war es also klar, daß das Gefängnis lebenslang war. Warum? Weil der Rechtsanwalt Litten, seiner Pflicht getreu, nicht nur läßlich, Herrn Hitler verhört hatte. Und der Tortur ward er unterworfen, weil er, ich möchte sagen: übermenschlich pflichttreu, die Anwaltspflicht des Geheimnisses noch wahrte, als schon die ganze Rechtsordnung, auf der solche Pflicht ruhte, im Abgrund der Nazi-Anarchie verschwunden war.