Die ersten Teilnehmer eines neuen Programms kehren aus Japan zurück

Erich Marquart trieb die Neugierde: „Was machen die eigentlich besser als wir“, fragte sich der damals 28 Jahre alte Ökonom. Ins Ausland wollte er ohnehin schon immer mal gehen. Die Volkswirtin Beate Bachmann, damals 25 Jahre alt, entdeckte ihr Interesse, als sie an ihrer Diplomarbeit arbeitete. Sie schrieb über Direktinvestitionen; dabei wurde ihr bewußt: „Mensch, außer Europa und Amerika gibt’s ja noch ’n ökonomisch starkes Zentrum in Asien.“ Und den Betriebswirtschaftler Franz-Hermann Hirlinger, damals 34 Jahre alt, beschäftigte die Frage: „Wieso war das Land über siebenhundert Jahre völlig verschlossen und startet plötzlich eine Exportoffensive ohnegleichen?“

Die drei gehörten zu den ersten Teilnehmern des Stipendien-Programms „Sprache und Praxis in Japan“, das der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) seit 1984 anbietet. Das Stipendium dauert zwei Jahre und wird Natur-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlern gewährt (nicht Geisteswissenschaftlern, Medizinern und Künstlern).

„Mit offenen Armen sind wir nicht gerade aufgenommen worden“, berichtet Erich Marquart. „Die Japaner sind zwar sehr höflich, aber man muß immer auf sie zugehen, immer nachfragen.“ Die Zurückhaltung der Asiaten ist verständlich. Denn das DAAD-Programm ist das erste, das jungen Akademikern einen so langen Aufenthalt in Japan ermöglicht. Jene dreizehn Kandidaten, die sich vor zwei Jahren auf den Weg machten und jetzt zurückgekehrt sind, waren die ersten Ausländer in Japan überhaupt, die nicht nur die üblichen Kurzzeit-Praktika von drei oder mitunter auch sechs Monaten absolvierten und vor allem die Sprache lernten. „Wir werden von vielen europäischen Ländern um dieses Programm beneidet und bekommen von überall her Anfragen“, sagt Georg Neumann, der zuständige Referent beim DAAD.

Das Angebot richtet sich nicht an Studenten, sondern nur an Absolventen von Universitäten und auch Fachhochschulen. Der Studienabschluß soll nicht länger als zwei Jahre zurückliegen. Gegliedert ist das Programm in drei Abschnitte. Zunächst wird ein einmonatiger „sprachlicher und landeskundlicher Vorbereitungskurs“ am Institut für Japanische Sprache in Bochum besucht. Nach einem Monat Pause geht es dann nach Japan, wo die Teilnehmer einen einjährigen Sprachkurs an einer Schule in Tokio absolvieren, der durch Exkursionen zu Forschungseinrichtungen und Betrieben ergänzt wird. Im zweiten Jahr leisten die Stipendiaten ein Praktikum in einem japanischen Unternehmen oder in der dortigen Niederlassung eines deutschen Unternehmens ab, wahlweise auch in einem Forschungsinstitut oder in der Verwaltung.

„Wir wollten mal ein Programm nicht zum Zweck wissenschaftlicher Forschung anbieten, sondern um das praktische Leben eines Landes kennenzulernen“, sagt Neumann. Sowohl die Kultur wie auch die Wirtschaft und die Forschung des bei uns noch immer recht unbekannten Landes sollen die Teilnehmer erleben. Die Sprachkenntnisse, die während des ersten Jahres erworben werden, reichen dazu aus, berichten die Rückkehrer übereinstimmend. „Natürlich kann man damit nicht über Heidegger philosophieren“, meint Erich Marquart, „aber für Alltagsgespräche genügt es.“ Die monatliche Unterstützung des DAAD beträgt 2800 Mark. Das ist angesichts der hohen Lebenshaltungskosten nicht eben viel. „Unsere Stipendiaten klagten sehr“, räumt Neumann ein. Dazu übernimmt der DAAD die Kosten für den Sprachunterricht, sämtliche Reisekosten sowie die Kranken- und Unfallversicherung.

Das neue Programm soll einen Beitrag leisten „zur Deckung des Bedarfs an Fachleuten in Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft, die sich in der Sprache und in den Denk- und Arbeitsweisen des modernen Japan auskennen“. Vor allem die Wirtschaft hat da noch einigen Nachholbedarf. „Auf dem japanischen Markt kann man langfristig nur Erfolg haben, wenn man die Gepflogenheiten des Landes kennt“, sagt Bernhard Welschke, zuständiger Referent in der Außenhandelsabteilung beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). „Solche Bemühungen sind sehr zu begrüßen“, meint er zum DAAD-Stipendium und beklagt zugleich, daß sich zu wenige Hochschulabsolventen dafür interessieren: „Die orientieren sich stark daran, was ihnen das für die Karriere in Deutschland nützt.“