Guten Tag, ich heiße Marc Daniel Cohn-Bendit, der Herr da, den Sie sehen, heißt Marc Daniel Cohn-Bendit. Er steht hier und soll nun über Deutschland reden. Vielleicht kennen Sie ihn besser unter dem Namen Roter Dany, und wenn Sie Geschichte genießen wollen wie einen guten Tropfen Wein zum Beispiel, dann können Sie sagen „Roter Dany, Qualitätsjahrgang 68, besonders sonnig, das heißt besonders wertvoll, Appellation controlée.“

Ich lebe seit 41 Jahren mit ihm, kenne ihn also sehr gut. Deswegen wundere ich mich darüber, daß er die Chuzpe besitzt, über sein Leben im eigenen Land Deutschland zu reden. Er, der 1958 eine ganze Nacht im Zug durchgeheult hat, im Liegewagen mit seiner Mutter, als sie ihn mitnahm nach Deutschland, um wieder dorthin zu übersiedeln. Er, der sich 1968 von Gott und der Welt bemitleiden lassen wollte, weil er aus Frankreich ausgewiesen wurde. Er, der 1978, als er wieder nach Frankreich durfte, sich frei entschieden hat, in Deutschland zu bleiben. Dieser Bastard also will über Deutschland reden. Ich muß sagen, ich bin wirklich gespannt, was er sagen will. Da er sich der Schwierigkeiten bewußt ist, hat er mich, Marc, gebeten, ihn zu befragen, und ich glaube, ich bin nicht nur einer der Neugierigsten, sondern auch einer der schärfsten Kritiker seiner Äußerungen, weil ich weiß, wie gut er rationalisieren kann.

Also: Dany, es gehört zum Habitus eines aufgeklärten Linken, sich von Deutschland zu distanzieren, es gehört zum Zeitgeist. Wer sich positiv zu Deutschland bekennt, kann höchstens noch gleichziehen mit Helmut Kohl Gewiß, die Geschichte dieses Landes provoziert Ekel und Verachtung. Über die Singularität dieser Geschichte und die notwendige singuläre Verarbeitung wirst du sicherlich sprechen. Doch was mich besonders stutzig macht: daß du immer noch freiwillig diese Republik als deinen Hauptwohnsitz betrachtest, anstatt in Paris zu residieren.

Versuchen wir doch mal, zurückzudenken. Der Mann, der verantwortlich dafür ist, daß ich in Deutschland lebe, heißt Franz Josef Strauß. Es ist eine ganz einfache Geschichte, und es ist eine deutsch-jüdische Geschichte. Ich bin in Frankreich geboren. Die Alliierten landeten 44, im Juni, in Frankreich, und im Juli/August bin ich gezeugt worden – ein Kind der Freiheit also – wurde aber staatenlos, denn meine Eltern haben mich bei meiner Geburt nicht zum Franzosen erklären lassen. Sie meinten, wir gehen eh nach Amerika, „das gelobte Land“, und „deswegen brauchst du nicht Franzose zu werden, du wirst Amerikaner werden“. Wir haben die nötigen Papiere nicht gekriegt, die Amerikaner wollten nicht zu viele jüdische Einwanderer. Ich lebte also in Frankreich und blieb staatenlos.

Meine Mutter nahm mich 1958, als ich dreizehn war, mit zurück nach Deutschland, denn mein Vater (der dort lebte) war krank. Er hatte Krebs, und meine Mutter – die Familie ist im Endeffekt stärker als man glaubt – wollte ihn pflegen. Ich war dann in Deutschland im Internat, in der Odenwaldschule, und da stellte sich dann die Frage, weil ich immer noch Staatenloser war, was wirst du nun? Ich hatte schon damals überhaupt keine Lust, eingezogen zu werden. Wenn ich etwas wußte, was ich nicht werden wollte, war es Militär, und mein Vater sagte, es gebe einen Erlaß des Ministers für Verteidigung, Franz Josef Strauß, der folgendes besagte: Kinder jüdischer Eltern dürfen zur Bundeswehr, wenn sie wollen, müssen aber nicht. Deswegen habe ich mich entschlossen, mit 15, Deutscher zu werden. Ist das nicht eine Ironie des Schicksals, daß ein Mensch die deutsche Staatsangehörigkeit gewählt hat, um nicht Militär zu werden? Ich finde das wunderbar!

Nun, da ich Deutscher war, wurde mir dieser Paß zum Verhängnis: 1968, als die Revolte in Frankreich stattfand, war ich der „deutsche Anarchist“. Weil ich eben einen deutschen Paß besaß, hatte mich die Kommunistische Partei Frankreichs so beschrieben – und so nahm die Geschichte einfach ihren Lauf.

Ich konnte aus Frankreich ausgewiesen werden, mußte in Deutschland, in Frankfurt leben. Hier fing etwas Seltsames an. Natürlich hatte ich Schwierigkeiten, mich in diesem Land zu integrieren. Meinen ersten Eindruck von Deutschland hatte ich, als ich sieben Jahre alt war: Ich besuchte meinen Vater mit meinem Bruder, der neun Jahre älter ist als ich; mein Vater war zur Kur in Baden-Baden. Wir waren in einem Restaurant, und das ist das erste Bild von Deutschland, das ich immer im Kopf habe: Wir saßen dort an einem Tisch, Jugendliche kamen, kurze Haare, Anzug, Schlips, begrüßten ihre Eltern mit einer Verbeugung, zackige Bewegung, Absätze knallten aneinander, das war so etwa 1953, eine unglaubliche Szene für mich. Als ich 1968 nach Deutschland kam, die antiautoritäre Revolte tobte, verstand ich sie, eben aufgrund dieses Bildes. Es war die logische Antwort einer Generation, auch vielleicht eine logische Folge nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Zustand der deutschen Gesellschaft. Und mit dieser Bewegung habe ich mich identifiziert.