Es gab sie trotzdem, diese Auseinandersetzung, das Nachdenken über die Geschichte, das Nachdenken über die eigene Verantwortung. Das war ein Verdienst der Revolte.

Ich hatte 1969 ein Verfahren in der Bundesrepublik, einen Prozeß wegen Landfriedensbruch, da fragte mich der Richter, wie heißen Sie?, und ich antwortete, ich heiße Kuron-Modzelewski.

"Nein, nein, Sie heißen Cohn-Bendit."

"Ja, aber am heutigen Tag fängt in Warschau der Prozeß gegen Kuron und Modzelewski an." Ich wollte damit meine Solidarität mit diesen beiden Menschen demonstrieren, die den Demokratisierungsprozeß in Polen damals vorangetrieben haben, als es eine Studentenbewegung in Polen gab, die Studentenbewegung damals von stalinistischen Machthabern denunziert wurde als zionistische Bewegung. Der latente Antisemitismus, den es in Polen gab, wurde benutzt, um eine Mauer zwischen der Studentenbewegung und dem Volk aufzubauen. Man benutzte den Antisemitismus, weil man wußte, daß dies wirkt. Und ich glaube – es ist schwer, das auszusprechen – daß es kein Zufall ist, daß Auschwitz in Polen liegt. Man konnte sowas nur planen, wenn man sicher sein konnte, daß die Menschen, die in der Umgebung lebten, nichts dagegen tun würden. Das hat Shoah gezeigt, und ich glaube, das ist eine schwierige Auseinandersetzung. Einer der Juden, den ich am meisten bewundere, ist Adam Michnik, der ja in Polen nicht als Jude kämpft, sondern eben sich davon löst und sagt, es gibt den Antisemitismus, und es gibt auch was anderes, es gibt ein lebendiges Bedürfnis nach Freiheit, das auch diesen Antisemitismus überwinden kann. Das ist eine seiner Motivationen, sich in Polen nicht nur mit Solidarnosz zu verbinden, nicht nur aktiv zu sein, sondern sich auch noch mit der katholischen Kirche zu verbrüdern, obwohl die am Antisemitismus auch ihre Verantwortung trägt.

Damit will ich sagen, daß es immer, immer eine Möglichkeit gibt, wenn man will, Auswege zu finden. Das ist meine Erklärung. Du weißt ganz genau, warum ich in Deutschland lebe. Es gibt einen jüdischen Witz, der sagt, wenn du nur zwei Möglichkeiten hast, und du mußt dich entscheiden, wähle immer die dritte. Ich glaube, das mache ich, indem ich mich zwischen Deutschland und Frankreich entschieden habe: Mit den Menschen zu leben, die mich emotional binden, und ich habe die Möglichkeit gewählt, keinem Land treu zu sein, meine Identität nicht in einem geographischen Zusammenhang zu suchen, weder Frankreich noch Deutschland. Und das entlastet mich. Ich lebe da, wo ich verliebt bin.

Fast klar, fast! Es scheint mir, als ob du dich in der momentan tobenden Historiker-Debatte nicht traust, deine wirkliche Meinung zu vertreten. Für Hannah Arendt zum Beispiel war es eine Selbstverständlichkeit, Hitler mit Stalin zu vergleichen, ja, ihre Formulierung des Ursprungs des Totalitarismus beruht ja darauf, daß sie beides vergleicht und identisch in der Struktur selbst setzt. Ich weiß, wie sehr Hannah Arendt dir also am Herzen liegt. Sie beschäftigt dich sehr, und deswegen werde ich das Gefühl nicht los, daß du die allergische Reaktion der wissenschaftlichen und politischen Linken eigentlich nicht teilen kannst in dieser Historiker-Debatte. Gibt es eine Singularität des Totalitarismus, oder gibt es eine Singularität des Nationalsozialismus als Anus der menschlichen Zivilisation. Oder auf gut deutsch: Deutsche sind auch Menschen, denen ohne Zweifel ein Anteil an der weltumspannenden Barbarei gehört, aber auch nicht mehr als ein Anteil. Dürfen Deutsche sich nicht entlasten, indem sie die Barbarei zum universalen Gemeingut erklären?

Wäre ich Gott, so wäre die Frage einfach zu beantworten. Natürlich ist die Barbarei des Stalinismus gleich der Barbarei des Nationalsozialismus, natürlich gab es viele Tote, also sind beide moralisch genauso verwerflich. Das könnte ich als Gott sagen. Da die Menschen, weder Herr Hillgruber – noch Helmut Kohl – noch Geißler – noch andere Gott sind, können sie so nicht reden. Sondern die Frage, die sie beantworten müssen, ist folgende: Meiner Meinung nach hat ein Russe sich auseinanderzusetzen mit der Singularität des Stalinismus, und ein Deutscher hat sich auseinanderzusetzen mit der Singularität der Barbarei des Nationalsozialismus. Deswegen sind alle linken Erklärungsversuche, die auf ökonomischer Ebene versuchen, den Nationalsozialismus zu erklären und zu sagen "Flick sagte Hü, und schon sprang die deutsche Industrie" oder wie die Sprüche alle heißen, natürlich falsch, denn sie erklären, warum die Industrie in bestimmten gesellschaftlichen Situationen autoritäre, totalitäre Parteien unterstützt, sie erklären aber nicht diese Barbarei. Wenn Herr Dregger mir sagt, ich will, daß die Deutschen wieder Nationalbewußtsein nicht nur entwickelt können, sondern stolz darauf sein können, da frage ich mich, ja, was soll es sein, was wollt ihr eigentlich?