Hans-Ulrich Thamer legt ein Standardwerk über die NS-Zeit vor

Von Julius H. Schoeps

Von Hitler und den Folgen der braunen Diktatur werden die Deutschen so schnell nicht freikommen. Im Gegenteil. Je größer der historische Abstand wird, desto schmerzhafter wird bewußt, was eigentlich geschehen ist. Das „Tausendjährige Reich“ dauerte nur zwölf Jahre, wirkt aber bewußtseinsmäßig nach. Die ersten Jahrzehnte nach 1945 waren bestimmt vom Prozeß der Verdrängung, von hilflosen, teilweise peinlichen Versuchen der Rechtfertigung. Heute scheint sich eine Veränderung anzubahnen. Die Generation der Beteiligten, derjenigen also, die den NS-Staat miterlebt und zumeist mitgetragen haben, tritt ab und macht einer jüngeren Generation Platz, die weniger Rücksicht nehmen muß – und deshalb in der Lage ist, die Fragen an die deutsche Geschichte vorurteilsloser und radikaler zu stellen.

In der von dem Verleger Wolf Jobst Siedler 1982 ins Leben gerufenen Reihe „Die Deutschen und ihre Nation“, in der die bereits viel beachteten Werke von Heinrich Lutz („Zwischen Habsburg und Preußen. Deutschland 1815-1866“), Michael Stürmer („Das ruhelose Reich. Deutschland 1866-1918“) und Hagen Schulze („Weimar. Deutschland 1917-1933“) erschienen sind, folgt jetzt der schon seit längerem angekündigte und mit Spannung erwartete Band des Münsteraner Neuhistorikers Hans-Ulrich Thamer, der mit dem Schreiben der Geschichte der NS-Epoche und ihrer wechselvollen Auswirkungen die schwierigste, aber wohl auch reizvollste Aufgabe von allen Autoren zu bewältigen hatte.

  • Hans-Ulrich Thamer:

Verführung und Gewalt

Deutschland 1933 – 1945

Siedler Verlag, Berlin 1986; 838 S., 98,– DM.

Bei all den Verwirrtheiten, die in den letzten Monaten in der sogenannten „Revisionismus“-Debatte der Historiker zu Tage getreten sind, ist es ausgesprochen wohltuend, ein Buch in die Hand zu bekommen, das Distanz wahrt, dazu bemüht ist, nicht in Spekulationen zu verfallen. Thamer, als Angehöriger des Jahrgangs 1943 ein Vertreter der jüngeren Historikergeneration, geht es nicht um irgendwelche Verteidigung, Rechtfertigung oder um Relativierung, sondern darum, dem Leser die deutsche Geschichte unseres Jahrhunderts in ihren Abläufen, aber auch in ihren Widersprüchen und Unvereinbarkeiten näherzubringen. Seine Darstellung, die sich durch gute Lesbarkeit auszeichnet, spiegelt nicht nur den wissenschaftlichen Forschungsstand. Sie ist auch, was selten genug ist, eine gelungene Synthese von Strukturgeschichte, politischer Geschichtsschreibung und biographischer Interpretation. Thamer verbindet gekonnt die Biographie Hitlers mit der Analyse der inneren Struktur- und Bewegungsdynamik des Regimes und legt Wert darauf, gut verständlich, vielfältigste ökonomische und rechtliche Sachprobleme in seine Schilderung mit einfließen zu lassen. Angemerkt sei noch, daß, entsprechend der Konzeption der Reihe, auch der vorliegende Band mit Illustrationen (bei einigen der Bildlegenden gibt es leider schlimme Schnitzer) versehen ist, die, gut ausgewählt, nicht nur zur Auflockerung, sondern auch zum besseren Verständnis beitragen.

Von der Systematik her geht Thamer so vor, daß er im ersten Drittel seines Buches in der Darstellung den Aufstieg der NSDAP mit dem Lebenslauf Hitlers und dessen Weg in die Politik koppelt. Besonders am Herzen liegt ihm dabei die Schilderung des Milieus, das den jungen Hitler geprägt hat, und die Erörterung der Ursachen, die zur Entstehung der Hitler-Bewegung geführt haben. Thamer geht in diesem Zusammenhang auf den romantisch-irrationalen Kulturpessimismus ein, der durch den verlorenen Weltkrieg eine Zuspitzung erfahren hat. Er fragt nach den Auswirkungen der Modernisierungskrise und beschreibt die Angst des Bürgertums, den technisch-industriellen Entwicklungen nicht gewachsen zu sein.

Er weist aber auch auf den Faschismus hin, den er als ein europäisches Phänomen deutet, dabei jedoch ausdrücklich feststellend, daß der Nationalsozialismus nicht mit dem italienischen Faschismus gleichzusetzen ist. Er sieht zwar die Ähnlichkeiten in der Struktur und im äußeren Erscheinungsbild (Kleidung, militärische Organisations- und Aktionsformen. Propagandastil, Symbolik), bemerkt aber zu Recht, daß Differenzen vorhanden und der Nationalsozialismus von den europäischen Faschismen sich hauptsächlich durch den Rassenantisemitismus unterschieden habe, wie auch durch die Radikalität, mit der er seine Forderung rücksichtslos durchzusetzen gewillt war.

Selbst kritische Zeitgenossen haben die Dynamik der NS-Bewegung in den Anfängen verkannt. Sie hatten Schwierigkeiten mit der Vorstellung, daß ideologische Phantastereien und Irrationalismen einmal die Politik bestimmen könnten. Sie vertrauten auf die historische Erfahrung, glaubten, daß die politische Vernunft sich durchsetzen würde. Keine politische Partei, keine soziale Bewegung oder Gruppierung erkannte, mit wem und mit was man es zu tun hatte.

Nur wenige waren es, die ahnten, was mit Hitler und seiner Bewegung auf Deutschland zukommen würde. Unter ihnen ausgerechnet Erich Ludendorff, einst Putschgenosse Hitlers, der zusammen mit diesem 1923 am Marsch auf die Feldherrenhalle in München teilgenommen hatte. „Sie haben“, erklärte er dem Reichspräsidenten Hindenburg gegenüber am 30. Januar 1933, „durch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler unser Heiliges Deutsches Vaterland einem der größten Demagogen aller Zeiten ausgeliefert. Ich prophezeie Ihnen feierlich, daß dieser unselige Mann unser Reich in den Abgrund stürzen und unsere Nation in unfaßbares Elend bringen wird.“ Warum, fragt man sich, wurden Hitler und seine Bewegung in den Anfängen so sehr unterschätzt? Es kann nicht allein daran gelegen haben, daß man nicht wußte, wer Hitler war und was er verkörperte. Das Programm der NSDAP lag vor und jeder, der sich informieren wollte, konnte Hitlers in der Landsberger Haft geschriebenes Buch „Mein Kampf“ zur Hand nehmen, in dem die Grundzüge seiner späteren Politik bereits niedergelegt waren. Bis 1933 wurden rund eine Viertelmillion Exemplare verkauft.

Die Fehleinschätzungen der Zeitgenossen führt Thamer hauptsächlich auf die Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit der NS-Bewegungzurück, auf das Nebeneinander von Rückwärtsgewandtheit und Vitalität, von Unbehagen an der Moderne und Technik-Begeisterung. Breiteste Schichten der Bevölkerung waren davon fasziniert, so wie sie es auch vom Phänomen der Macht waren, von der Wirkung, die von Hitler als Willens- und Tatmensch ausging. Konservativ in der Mehrzahl eingestellt, lehnte man zwar die „Trommler“-Methoden des Weltkriegsgefreiten ab. Gleichzeitig fühlte man sich aber wie magisch angezogen von der Politik des Alles oder Nichts, die Ordnung und zugleich revolutionäre Veränderung versprach.

Es besteht kein Zweifel daran, daß Hitler auf einer Woge breitester Zustimmung an die Macht getragen worden ist. Er hatte es verstanden, weiteste Kreise – vom Großbürgertum bis in die Arbeiterschaft – für sich einzunehmen. Ausstrahlung und demagogisches Geschick spielten dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Wähler liefen ihm zu, nicht zuletzt wegen der gezielt eingesetzten Propaganda, die den Massen in ständiger Wiederholung eingängige Feindbilder einhämmerte. Hinzu kam, daß die NSDAP im Vergleich zu anderen Parteien der Weimarer Republik den Nimbus der Jugend hatte. Für viele jüngere Wähler, meint Thamer, war das Bekenntnis zum Nationalsozialismus eine Protesthaltung, und die Entscheidung für Hitler und seine Partei bedeutete eine Abkehr von überkommenen bürgerlichen Lebensformen.

Revolutionäre Züge

Es sei eine Legende, behauptet Thamer, daß das „Großkapital“ Hitler an die Macht gebracht habe. Die Industrie habe zwar mit einer Veränderung der politisch-sozialen Ordnung in Richtung auf den „autoritären Staat“ sympathisiert, nicht jedoch mit Hitlers Nationalsozialisten. Das sei erst später gekommen. Bis zu ihrem Erdrutschsieg 1930 habe die Partei als politisch nicht interessant und darum auch nicht als förderungswürdig gegolten. Was die NSDAP zwischen 1930 und 1933 an Mitteln aus der Großindustrie erhalten habe, sei nur ein Bruchteil dessen gewesen, was an die bürgerlichkonservativen Parteien gezahlt worden sei.

Die NSDAP habe sich hauptsächlich selbst finanziert. 80 Prozent der Gesamteinnahmen bestanden aus Beiträgen und Unterstützungen der Parteimitglieder, allenfalls fünf Prozent seien Spenden gewesen. Sollten Thamers Feststellungen, die sich auf die umstrittenen Untersuchungen des amerikanischen Historikers H. A. Turner stützen, tatsächlich zutreffen, dann wäre nicht nur Max Horkheimers bekanntes Verdikt „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“ falsch; auch wesentliche Teile der historischen Literatur der letzten Jahrzehnte würden Makulatur sein.

Auch wird nicht überall Thamers These auf Zustimmung stoßen, die nationalsozialistische „Machtergreifung“ sei von Struktur und Erscheinung her eine Revolution gewesen. Thamer weiß zwar, daß diese „Revolution“ nur wenig gemeinsam hat mit jener, die seit dem 18. Jahrhundert als „gut“, „fortschrittlich“ und „freiheitlich“ gilt. Das hindert ihn aber nicht, der „nationalen Erhebung“ revolutionäre Züge (Thamer spricht von der „Revolution gegen die Revolution“) zuzuschreiben, die er besonders nach den Märzwahlen 1933 hervortreten sieht.

Als Beispiel führt Thamer den Gleichschaltungsprozeß an, der gewaltsam, teilweise aber auch freiwillig erfolgt ist. Macht- und Vernichtungswille der NS-Führung hätten sich hier mit den sozialen Ressentiments der Zukurzgekommenen, das Aufbruchs- und Erneuerungspathos mit Anpassungsdruck und Opportunismus zu einer Stimmung verbunden, die dumpf und rückständig war – aber eben auch revolutionär.

Konservative wie Papen und Hugenberg und Vertreter des Zentrums wie der Prälat Kaas hatten anfänglich noch geglaubt, Hitler und die NSDAP zähmen zu können. Sie waren jedoch nicht der Taktik Hitlers gewachsen, der sie ausmanövrierte und ihnen jede Einflußmöglichkeit nahm. Entscheidend aber war, daß sie sich dieser Chance selbst begaben, indem sie ihn ermächtigten, Gesetze, selbst verfassungsändernden Charakters, zu verkünden. Mit dem Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933, das allein die Sozialdemokraten ablehnten, beging der Reichstag sozusagen Selbstmord und hob sich selbst auf. Die Trennung der Gewalten, die sich seit der Französischen Revolution durchgesetzt hatte, war mit der Zustimmung zu diesem Gesetz beseitigt. Die Regierung übte neben der ausführenden von diesem Zeitpunkt an auch die gesetzgebende Gewalt aus. Die Rechtssicherheit war damit suspendiert und Deutschland in die Lage des permanenten Ausnahmezustandes versetzt.

Thamer hat zweifellos recht, wenn er schreibt, daß das Ermächtigungsgesetz nicht legal zustande gekommen ist. Warum aber, fragt man sich, hat Hitler darauf bestanden, daß alles rite lege zugehen müsse? Und wieso hat er, obgleich er die Macht bereits in Händen hatte, auf der formalen Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes bestanden? Darüber kann nur spekuliert werden. Es scheint, daß dies einerseits mit einem merkwürdig formalistischen Zug im Denken Hitlers (Adolf Legalité hatten ihn seine innerparteilichen Gegner schon in der „Kampfzeit“ genannt) zusammenhing. Zum anderen war es vermutlich das Legalitätsbedürfnis der Beamtenschaft und der Offiziere, das Hitler richtig eingeschätzt hat.

In seinem 1948 erschienenen Buch „Vorspiel zum Schweigen“ hat Arnold Brecht geurteilt: „Gegen einen Staatsstreich, der nicht im Gewande der Legalität gekommen wäre, hätten Richter und Beamte wahrscheinlich durchaus loyal für den Bestand der Weimarer Republik gekämpft. Nachdem aber Adolf Hitler durch den Reichspräsidenten zum Kanzler ernannt und das Ermächtigungsgesetz vom Reichstag beschlossen war, schien es für Beamte und Richter in ihrer Eigenschaft keine andere Wahl zu geben, als zu gehorchen. Die Legalität ist nun einmal der Funktionsmodus, nach dem die moderne Staatsapparatur verfährt.“ – Aber spätestens nach der Ermordung Röhms am 30. Juni 1934 und der Ausschaltung der konservativen Opposition hätte jeder Deutsche wissen müssen, was die Stunde geschlagen hatte. Aber die Mehrheit der Bevölkerung fühlte sich nicht verführt oder gar vergewaltigt, sondern war ganz offensichtlich angetan vom Regime, das es verstand, durch eine geschickt inszenierte Selbstdarstellung ein Bild von sich zu schaffen, das allgemein akzeptiert wurde. Wir werden noch lange darüber rätseln, was die Macht und die Faszination des NS-Herrschaftssystems ausgemacht hat. War es der pseudoreligiöse Anspruch auf Ewigkeit und Erlösung? War es die charismatische Ausstrahlung, die von Hitler ausging? Oder war es die Kombination von beidem? Eine eindeutige Antwort wird darauf so schnell nicht zu geben sein.

Polykratische Strukturen

Sicher ist, daß die soziale und politische Wirklichkeit des Regimes äußerst kompliziert war. Thamer bezieht in der Debatte der Historiker, ob es sich beim NS-Herrschaftssystem um eine „Monokratie“ beziehungsweise um eine „Polykratie“ gehandelt habe, eine vermittelnde Position. Das „Dritte Reich“, meint er, habe in der Gestalt Hitlers eine starke monokratische Spitze besessen, gleichzeitig habe es aber auch noch andere widerstreitende Machtzentren gegeben, die sogenannten polykratischen Strukturen, die daneben existiert und mit dem Machtanspruch Hitlers konkurriert hätten.

Das eine hätte das andere bedingt und die Doppelgesichtigkeit des Regimes ausgemacht. Thamer stützt sich bei dieser Feststellung auf den Politologen Ernst Fraenkel, der auf dieses Nebeneinander schon frühzeitig aufmerksam gemacht und in ihm ein charakteristisches Merkmal des NS-Staates entdeckt zu haben glaubte.

Der Krieg war es, der schließlich alle zerstörerischen Energien des Nationalsozialismus freisetzte. Wir wissen heute, daß die Hitlersche Politik nach 1933 zielstrebig auf den Krieg zugesteuert ist. „Hitlers ganzes Denken“, heißt es bei Thamer, „war auf Krieg ausgerichtet... Mit dem Krieg fanden Hitler und der Nationalsozialismus gleichsam zu sich selbst.“ Bezeichnend ist die Rede, die er am 23. November 1939 vor den Oberbefehlshabern der Wehrmacht hielt: „Man wird mir vorwerfen: Kampf und wieder Kampf. Ich sehe im Kampf das Schicksal aller Wesen. Niemand kann dem Kampf Entgehen, falls er nicht unterliegen will. Die steigende Volkszahl erforderte größeren Lebensraum. Mein Ziel war, ein vernünftiges Verhältnis zwischen Volkszahl und Volksraum herbeizuführen. Hier muß der Kampf einsetzen. Um die Lösung dieser Aufgabe kommt kein Volk herum, oder es muß verzichten und allmählich untergehen. Das lehrt die Geschichte.“

Hitler hat nie einen Zweifel daran gelassen, daß er einen „völkischen“ Krieg führte, daß es ihm neben allen macht- und raumpolitischen Zielen um einen Sieg der „arischen“ Rasse und um die Vernichtung des europäischen Judentums ging. Inwieweit seine Vision einer „biologischen Revolution“ vom engeren NS-Führungszirkel geteilt wurde, ist strittig. Thamer glaubt, daß dieser in seinem Antisemitismus nicht ganz so radikal war. Mag sein. An dem Sachverhalt ändert dies jedoch nichts, daß die Goebbels, Himmler und Konsorten, unterstützt von einer willfährigen Bürokratie, zu Helfershelfern von Hitlers Ausrottungspolitik wurden.

Mahnung und Warnung

In gewisser Weise ist es wohltuend, daß Thamer die Diskussion verweigert, die der Berliner Historiker Ernst Nolte mit seiner Überlegung ausgelöst hat, ob Hitler nicht berechtigt gewesen sein könnte, die deutschen Juden nach Kriegsausbruch als Kriegsgefangene zu internieren, weilChaim Weizmann als Präsident der Jewish Agency Neville Chamberlain versichert hatte, die Juden stünden in diesem Krieg auf der Seite Englands und der westlichen Demokratien. Thamer läßt sich auch nicht auf die Historiker-Kontroverse ein, die sich an der gespenstischen Frage entzündet hat, ob die „Endlösung“ von Hitler befohlen worden ist oder nicht (vgl. DIE ZEIT, 7. 3. 1986). Er formuliert es zwar nicht, aber es ist offensichtlich, daß er die Erörterung dieser Frage für abwegig hält. Belege, meint er, gibt es genügend, die Hitlers Verantwortung für den Befehl zur Vorbereitung und Durchführung des Massenmordes an den europäischen Juden beweisen.

Andreas Hillgruber schrieb, daß der organisierte Judenmord nicht möglich gewesen wäre ohne „die Hinnahme des zumindest dunkel geahnten grauenhaften Geschehens durch die Masse der Bevölkerung“. Vom Ausmaß und den Einzelheiten der Aktionen hat man vielleicht nicht viel gewußt. Die Tatsache der Vernichtung aber, meint Thamer, hätte bekannt sein können. Die wenigsten wagten es indes, die vorhandenen Hinweise weiter zu verfolgen und zu Ende zu denken. Informationen, Vermutungen und Gerüchte gab es genug.

Es ist erstaunlich, daß die Nazi-Diktatur fast bis zum Ende mit einem hohen Maß an Loyalität in der Bevölkerung rechnen konnte. Einen von einer Massenbasis getragenen Widerstand, wie zum Beispiel in Dänemark, hat es in Deutschland nicht gegeben. Woran das lag, ist schwer zu sagen. Vielleicht war es die grundsätzliche Zustimmung zum Regime? Vielleicht war es auch der fest eingeschliffene Gehorsam gegenüber der Obrigkeit, der es unmöglich machte, sich zur Wehr zu setzen? Fest steht, daß es Ausnahmeerscheinungen waren, die den Schritt von partieller Kritik und nichtkonformem Verhalten zum politischen Widerstand taten. Meist waren es Personen und Gruppen, die moralische, politische und soziale Wertmaßstäbe hatten, die also in der Lage waren, sich in ihrem Denken und Handeln vom Nationalsozialismus unabhängig zu machen und Konzeptionen für ein Deutschland nach Hitler zu entwickeln. Und das waren, wie wir wissen, leider viel zu wenige.

Es fällt heute immer schwerer, uns an das zu erinnern, was geschehen ist. Hitler und der Nationalsozialismus sind Geschichte. Die Nachgeborenen sind schon nicht mehr in der Lage, sich ein Bild von den zwölf Jahren zu machen, die das Gesicht Deutschlands und Europas radikal verändert haben. Thamers Buch wird helfen, den Verdrängungen und dem Gedächtnisverlust entgegenzuarbeiten. Vergleichbares wie die „Braune Revolution“ wird sich so schnell nicht wiederholen. Dies ist aber kein Grund, in der Wachsamkeit nachzulassen. Die Erfahrung der NS-Diktatur sollte uns Mahnung und Warnung zugleich sein. Zivilisation und Kultur bilden nur eine dünne Firnis. Die Barbarei lauert unmittelbar darunter und wartet nur darauf, wieder hervorbrechen zu können.