Nach der erlebten Bluttat, die Miss Honeychurch in eine Ohnmacht stürzte, bekennt sie mit ihrem pragmatischen Frauengemüt, daß nun alles wieder zum normalen Leben zurückkehre, während der romantisch aufgewühlte George Emersondies bestreitet, etwas Ungeheueres sei geschehen, und es sei überhaupt nicht mehr wie vorher. Die beiden sind dann fast ein Liebespaar, wie sie da an einer Brüstung zum Arno stehen, und Ivory schreckt nicht davor zurück, es symbolträchtig wegen zu lassen. Der Liebe und des Flusses Wellen Aber wie immer in diesem Film, der Kitsch ist nicht klebrig, weder süßlich noch säuerlich, sondern von einer frappierenden Einfachheit und Klarheit. Vielleicht ist es also doch nicht Kitsch, sondern ein individueller Erzählstil, der Emotionales und Reflektiertes raffiniert mischt.

Im ersten Teil, dem Italienstück, hatte der Film einen fast lässigen Ausflugscharakter, etwas Flanierendes; im zweiten Teil, in England, gewinnt er an Komplexität, eine ausgereifte Gesellschaftskomödie entwickelt sich. Miss Honeychurch will den Unsinn, der ihr in Florenz vielleicht durch Enersons Kuß in den Kopf gestiegen ist, daheim schleunigst vergessen. Eine Gegenfigur taucht auf, ein gebildeter Snob namens Cecil Vyse, Kneifer im Auge, die Nase immer in Büchern. Mit dem verlobt sich Miss Honeychurch. Er ist eine unsägliche und auch grandiose Type, die sich blasiert und lachhaft an seinen Buchdeckeln und kultivierten Attitüden festhält und vor Ungeschick und Scheu und Unwissen fast zusammenbricht beim Versuch, der erwartungsvollen Honeychurch einen Kuß auf die Backe zu hauchen, wobei aber nur der Kneifer in Unordnung gerät. George Emerson, der wieder auf der Bildfläche erscheint, verliert seinen leicht wahnsinnigen Romantikerheiligenschein. Das macht der Kontrast zu dem völlig abgehobenen Snob Vyse, gegen den er als richtiger Naturbursche dasteht. Ja, er wirkt eigentlich trivial gegen Vyse, dessen Hilflosigkeit im Umgang mit Frauen bewegend tragikomische Züge annimmt. Emerson, der Vitale, oder Vyse, der Dekadente, wer kommt an den Honigtopf?

Nachdem Miss Honeychurch eine Serie von gesellschaftlichen Prüfungen hinter sich gebracht hat, sie über ihre wahren Gefühle gelogen hat, was das Zeug hergab, steht, man ist fast enttäuscht, der ungestüme George aus Italien als Sieger da. Der brave Snob Vyse sitzt, von Miss Honeychurch gnadenlos verabschiedet, auf dem Treppenabsatz und schnürt seine Schuhe. Ob man ihn wirklich bedauern soll? Ivory, befragt nach seinen Motiven, warum er ausgerechnet diesen Film gemacht hat, verweist geheimnisvoll auf diesen Cecil Vyse, mit dem habe es etwas zu tun ...

Durch den Kontrast zwischen dem romantischen Vitalisten George Emerson und dem intellektuellen Snob Cecil Vyse erhält der Film seine tiefere Bedeutung. Die Liebesgeschichte um Miss Honeychurch ist dabei nur Mittel zum Zweck. Emerson steht für das heftige Gefühl, für die Nähe zur Natur und für das grüblerische Temperament, während Vyse die Verfeinerung, die Distanz und auch die Lebensfremdheit repräsentiert. Ganz simpel ist der Konflikt zwischen Natur und Kultur, den der Film in vielerlei Variationen augenfällig macht, und ein geläufiges englisches Thema ist. Dazu gehören auch die Ausbrüche der Sinnlichkeit, das manifest Körperliche im Kontrast zu Kultur und Gesellschaft. Die blutrünstige Prügelei in Italien ist dafür das Negativbeispiel in Ivorys Film..

Interessant ist, daß die Liebe, abgesehen von zwei raschen heftigen Küssen, in Ivorys Film mit keinerlei besonderer sinnlicher Qualität versüßt wird. Eigentlich scheint sie nur dazu da, um nach allem Schmachten und Ringen eher banal und konventionell im Hafen der Ehe zu enden. Je weiter die Liebe fortschreitet, das heißt, je mehr sich Miss Honeychurch und George Emerson dem Heiratsziel nähern, um so mehr verliert auch Miss Honeychurch an erotischer Ausstrahlung. Fast geht es nur noch um Formalitäten: kriegen sie sich nicht oder kriegen sie sich? Diese Liebe ist dann ein Kompromiß, eine Komödie, eine Konvention. Liebe ist nicht erotisch, sagt dieser Film. Sie ist ein Gefühl, das einen festen Rahmen braucht.

Bezeichnend für den Ausbruch von Körperlichkeit und Sinnlichkeit ist eine zentrale Szene in dem Film, die in eine ganz andere Richtung weist. Drei Männer, es sind Emerson, ein fröhlicher Pfaffe und Miss Honeychurchs übermütiger jüngerer Bruder, baden in einer Waldlichtung splitternackt in einem Teich. Sie tollen und rasen um den Tümpel, werfen Kleider ins Wasser, prusten, lachen, führen sich auf wie entfesselte Kinder, paradiesisch gelöste Urmenschen.

Die Szene funktioniert für den Zuschauer wie eine Art Rorschachtest. Sie ist komisch und befreiend – und eben für manche verdächtig. Beim Filmfestival in Venedig tobte und klatschte das überwiegend junge Publikum vor Begeisterung; bei einer Kritikervorführung in Deutschland wurde etwas von latenter Homosexualität gemunkelt. Auch auf der Leinwand wechselt die Bedeutung: Als sich Cecil Vyse und weißgekleidete Frauen mit Sonnenschirmen dem Teich und dem Treiben dort nähern, bekommen die nackten Männer auf einmal etwas von Satyren; Zuschauer ruinieren die Unschuld. Siegfried Schober