Von Isolde von Mersi

Die Luft klirrt vor Kälte. Der Schnee knirscht unter den Skistiefeln. Bläuliche Schatten hängen im Tal. So früh am Morgen läuft der Ochsenweidelift noch leer. Wir sind unter den ersten, die sich an diesem Tag vom Südtiroler Skidorf Obereggen aus hochziehen lassen zu den Hängen unterhalb des Latemar.

Die bleigrauen Felsen des zerklüfteten Dolomitenbergs über uns nehmen sich schroff und abweisend aus. Die Schlucht gleich hinter Kardaun fällt mir ein, die den Eingang ins Eggental hütet. In der ersten Morgendämmerung hatten wir sie auf der kurvenreichen Straße durchquert, einen bedrohlich engen Schlund zwischen zyklopischen Wänden aus rotglühenden Porphyr-Würfelklötzen. Ein Tor zum Ende der Welt, ganz in der Nähe von Bozen? Apokalyptisch erscheinen jetzt zur bleiernen Morgenstunde selbst das Mastengewirr und die überbreiten Sessel des Absam-Meierl-Lifts. Die zweite Bahn hinter dem Ochsenweide-Lift ist eine avantgardistische Skischaukel: die erste Viermann-Sesselbahn Italiens.

In flotter Fahrt trägt sie uns in Richtung Reiterjoch. Plötzlich entfaltet die Sonne ihren Strahlenfächer. Glanz und Flitter sprüht aus den Schneekristallen. Die Zacken des Latemar schimmern rosig, gelblich, seidenweiß. „Prozession der Puppen“ heißen die schlanken Felstürme im Volksmund, ihre Namen verdanken sie nach der Sage einem allzu begierigen kleinen Mädchen. Diesem Hirtenkind nämlich schienen die Puppen in seidenen Gewändern nicht schön genug, die ihm ein alter Mann als Finderlohn für ein wertvolles Messer zur Auswahl schickte. Eine hinterlistige Geröllhexe hetzte das Mädchen auf, flüsterte ihm ein, daß der Alte ein Geizkragen sei. Seine allerschönsten Puppen mit üppigen Brokatkleidern und Perlengeschmeide hielte er wohlweislich in Berghöhlen verborgen. Der Hexenspruch, mit dem das Kind die vermeintlich verweigerten Kostbarkeiten herbeizaubern wollte, führte freilich zum Verhängnis. Ein ohrenbetäubendes Sausen und Pfeifen ging über den Berg, aus dem Wald erklang höhnisches Hexengelächter. Die Seidenpuppen erstarrten zu Stein.

Was für eine schaurige Mär. Das Blut könnte einem in den Adern gefrieren. Wären da nicht die wohlig wärmenden Kräfte der südlichen Sonne, die beruhigend sanft gewellten Almwiesen unterm weichen Schneeteppich, wären da schließlich nicht all die bekannten Zeichen der Zivilisation, die Requisiten des Wintersportbetriebs. Zum Beispiel die Gastwirtschaft „Meierl-Alm“. Auf der großen Terrasse stärken wir uns mit ofenwarmem Apfelstrudel, bevor wir weiterliften ins Trentino.

Hinter der offiziellen, international klingenden Bezeichnung „Ski Center Latemar“ verbirgt sich nämlich ein grenzüberschreitendes Skikarussell. Die Verhältnisse sind etwas kompliziert: Durch das Gelände verlaufen eine Sprach- und eine Provinzgrenze. Orientieren wir uns also erst einmal. In unserem Ausgangsort Obereggen wird deutsch gesprochen, er gehört zur Provinz Bozen. Zwei Bergrücken weiter östlich beginnt das Terrain der italienischen Provinz Trient. Dort liegen die Skistation Pampeago und – jenseits des Monte Agnello – das Fleimstaler Dorf Predazzo. Zusammen bringen es die drei Orte auf zehn Sessellifte, zwölf Schlepplifte und etwa 50 Kilometer leichte bis mittelschwere Pisten auf Höhen zwischen knapp über 1000 und 2500 Metern.

Predazzo im Fleimstal ist ein Wintersportort mit Tradition – bekannter freilich für seine Loipen als für das Alpinskigelände. Die zum Teil abenteuerlich altmodischen Aufstiegshilfen zum Monte Agnello könnten gut und gern einmal eine Modernisierung vertragen. Doch die Trentiner tun sich schwer, das nötige Geld aufzutreiben. Die Langläufer haben es da besser. Predazzo liegt an dem 70 Kilometer langen „Marcialonga“-Parcours zwischen Cavalese und Canazei.