Die Soldaten würden unter der (britisch-, deutsch-, portugiesisch-)ostafrikanischen Sonne dahinschmelzen wie Eis, so daß der Krieg nach zwei Monaten beendet sei. Aber diese Prognose eines (authentischen) britischen Offiziers, im Prolog nachzulesen, erfüllt sich nicht. Der „Ice-Cream War“, wie der komisch-einfühlsame, brutal-traurige zweite Roman William Boyds im Original heißt, dauert so lange wie überall: von 1914 bis 1918. Nur die Hoffnung auf eine heroische Schlacht erweist sich als Griff nach der Butter.

So landet Major a. d. Cobb, patriotischer Patriarch eines alten englischen Clans, in der Irrenanstalt, während sich Sohn Gabriel, der sofort pflichtbewußt ins Feld zieht, vor dem Fenster der deutschen Liesl zum Spanner entwickelt. Wie auch sollte er oder sollten die anderen sich in diesem langweiligen, chaotischen, aber tödlichen Kinderspiel zurechtfinden? Die Soldaten sterben aus Versehen, an Mißverständnissen, Zufällen und Bienenstichen. Aber sie sterben, und das nicht gerade in appetitlichen Bildern. Auch Gabriel. Sein Bruder Felix überlebt, nun der einzige männliche Sproß der Familie Cobb, aber er weiß so wenig wie zu Beginn, was er mit sich und seiner, der britischen Zukunft, anfangen soll.

Es sind wohl mehr als autobiographische Gründe, die Boyd, 1952 als Sohn eines Schotten in Ghana geboren und zwischen Nigeria und England aufgewachsen, bewogen haben, den Blick von den bekannteren Schlachtfeldern wegzulenken: auf dem dunklen Kontinent strahlt die irrsinnige Sinnlosigkeit des Krieges und der Untergang des britischen Imperiums in besonders hellem Licht.

Nun gut, der Kern der Botschaft klingt so neu nicht und kommt gegen Ende vielleicht auch ein bißchen dick und direkt daher, aber die originelle und passende Verpackung läßt das vergessen. Immer wieder lockt Boyd den Leser in eine Falle, um sie im nächsten Augenblick zuschnappen zu lassen. Zwischen dem 6. 6. 1914 und dem 3. 1. 1919 schreibt ein Erzähler ein Tagebuch, kapitelweise in die Gedanken verschiedener Figuren tauchend, so daß gleich wieder jeder Eindruck relativiert wird, keine Identifikation möglich ist. Kaum haben wir uns zumindest auf die Regelmäßigkeit dieses Perspektivenwechsels eingestellt, wird sie mit Beginn des zweiten Teils, zu Kriegsanfang, aufgehoben. In schnörkelloser Sprache, ausgezeichnet übersetzt von Hermann Stiehl, taucht Boyd uns ständig in Wechselbäder der Stimmungen. Der Wahnsinn hat Methode.

Susanne Kippenberger

  • William Boyd: „Zum Nachtisch Krieg“ Roman, aus dem Englischen von Hermann Stiehl; Rowohlt Verlag, Reinbek 1986; 480 S., 36,– DM