Im Moment haben britische Filme Hochkonjunktur. Nicht, daß alles, was allseits so gerühmt wird, besonders aufregend wäre. Interessant ist aber: daß die kleineren Filme mit einer unbekümmerten Sicht auf alltägliche Helden in ihrer alltäglichen Umgebung ganz andere Regionen und Städte, ganz andere Geschichten und Perspektiven ins Kino bringen.

Der Ire Neil Jordan, Novellist und Romanautor, ist ein Außenseiter dieser Szene. Schon sein Debütfilm "Angel" bewies, wie wenig ihn alltägliche Helden und wie wenig ihn eine unbekümmerte Sicht auf sie interessieren. Schon "Angel" stilisierte einen Saxophonisten aus South Armargh zu einem rätselhaften, mythischen Rächer. Die nordirische Realität sollte nicht in eindeutigen Abbildern erstickt, nicht in vorschnellen Reflexionen eingeengt, sie sollte sinnlich erfahrbar werden – in all ihrer absurden Widersprüchlichkeit, in all ihrer gewaltträchtigen Emotionalität. Ziel war nicht das Dokument, sondern die Vision. Wichtig dafür: präzise Darsteller und authentische Schauplätze; aber auch: berührende Musik, verklärendes Licht und irreale Farben.

Jordan erfaßt in seinen Filmen die reale, wahre Situation, je mehr er sie fiktionalisiert. In einer Weise, wie Barthes die Fiktion verstand: als "leichtes Abtrennen, leichtes Ablösen, das einem vollständigen, kolorierten Bild Form gibt, wie eine Abpausmanie." Jordan unterstellt seine Geschichten und seine Themen nicht einer Instanz, die das Wirkliche einklagt, sondern "einem Denken von Wirkungen".

Ein weiterer Beleg dafür ist seine neueste Arbeit fürs Kino: "Mona Lisa", die filmische Variation eines Songs, den Nat King Cole einst gesungen hat: "Do you smile to tempt a lover, Mona Lisa?/Or is it your way to hide a broken heart?/Are you warm, are you real, Mona Lisa?/Or just a cold and lonely, lonely work of art?"

Zum erstenmal erzählt Jordan von London, von der Atmosphäre einer vor Leben pulsierenden Großstadt: von Nacht, Regen und Neonlicht, von Straßen, Schmutz und undurchsichtigen Geschäften. Und zum zweitenmal erzählt er in Konkurrenz zum großen Hollywood-Kino: von Verbrechen, Liebe und Schuld, von Gewalt, Leidenschaft und Tod.

Im Mittelpunkt: ein looser, wie er im Buche steht, nicht besonders klug, nicht besonders attraktiv, nicht besonders erfolgreich. Er kommt gerade aus dem Gefängnis, nach sieben Jahren. Seine Frau haßt ihn inzwischen, seine Tochter kennt ihn kaum noch, und sein alter Boß, ein geschniegelter Syndikatsgangster, hat keine Verwendung mehr für ihn. Ein schäbiges Angebot macht der ihm dennoch; was er eigentlich ablehnen müßte. Irgendwie weiß er, er ist ganz unten; so ist er auch bereit, ganz unten wieder anzufangen. Neil Jordan hat seinen Helden mit der ganzen Tristesse ausgestattet, die einer ausstrahlt, der nie eine Chance hatte, dabei aber stets seine Würde bevahrte. Und Bob Hoskins spielt diesen ewigen Verlierer, als habe er nie etwas anderes gespielt. Er ist wie "der kleine Mann, der sich groß aufspielt", der nach den Sternen greift, dem es aber – falls er Glück hat – genügt, sie einen Augenblick lang festzuhalten.

Mit seinem neuen Job komm die große Irritation. Er muß "eine dürre, schwarze Hure", wie er sie nennt, von einem Rendezvous zum nächsten chauffieren. Diese Frau, schön, klug, distinguiert und geschäftstüchtig, ist und bleibt ihm voller Rätsel. Sie wirbelt sein ganzes Weltbild durcheinander. Kann "eine wirkliche Lady" zugleich eine Hure sein? Und überhaupt: Ist sie warm, ist sie wirklich? Oder nur ein kaltes und einsames, schönes Kunstwerk?

Anfangs mag er sie ganz und gar nicht, und sie mag ihn nicht. Er mäkelt an ihrer Arbeit und ihrem provozierenden Verhalten herum, und sie kann seine "billigen Klamotten" und sein Gangstergehabe nicht ausstehen. Er begreift nicht, warum sie tut, was sie tut, und sie versteht nicht, warum er nicht einfach den Mund hält und seinen Job erledigt. Ihre Offenheit, ihr Bekenntnis zu dem, was sie ist, bricht schließlich das Eis. Ohne es so richtig zu bemerken, beginnt er, sie zu achten, zu verehren, zu lieben. Lächelt sie, um einen Liebhaber zu verführen? Oder ist es ihre Art, ein gebrochenes Herz zu verbergen?

Eines Tages bittet sie ihn, eine Freundin für sie zu finden und aus den Klauen einer brutalen Zuhälterbande zu befreien. Und er zieht tatsächlich los, durchstreift die Hölle, um Zeugnis abzulegen von seinem Himmel. Plötzlich entwickelt er Kräfte, von denen er selbst nie etwas ahnte. Plötzlich weiß er, was et zu tun hat und – vor allem – wie er das tun muß, um Erfolg zu haben. Der Amateur mausert sich zum Profi, der verlorene Held zum romantischen tough guy.

Wie einer, der einen neuen Menschen trifft oder neue Erfahrungen macht, sich verändert. Wie einer, der nie etwas zuwege brachte, von einem Tag zum anderen über sich hinauswächst. Davon hat das Kino wieder und wieder erzählt – in Films noirs (wie Ulmers "Detour"), in Melodramen (wie Wilders "The Apartment"), in Thrillern (wie Fullers "Pickup on South Street"), sogar in Komödien (die bekannteste: "Brewsters Millions").

Neil Jordan nutzt die alten Geschichten und Genres ganz produktiv; sein Film ist Film noir und Melodram, Thriller und Komödie zugleich. Er ignoriert nicht die Variationen des Themas, die andere vor ihm erfanden, sondern baut darauf auf. Das Besondere dabei ist sein europäischer Blick auf diese zutiefst amerikanische Geschichte. Er entwirft eine düstere Atmosphäre: durch expressives Licht, ein Übermaß an halbnahen Einstellungen, die die Räume verengen, und durch starke Farbkontraste poetisiert er all die schäbigen Sexklubs und Peep-Shows, die schmutzigen Drogenplätze wie die abgelegenen Nuttenreviere zu einer künstlichen Kulissenwelt. Jordans London wirkt wie ein riesiger Irrgarten, der mit der Gefahr und mit dem Vergnügen zugleich lockt. Das Neonlicht auf den Straßen blinkt und leuchtet, doch hell und klar wird davon überhaupt nichts.

"Hyper-realistisch" nennt Jordan selbst seine Bilder. Seine Kinowelt ist authentisch und phantastisch zugleich. Er arbeitet nach dem alten Sternberg-Prinzip: Sein idealer Film wird, falls er zustandekommt, vollkommen synthetisch sein.

Norbert Grob