Die grüne Wende im Bewußtsein

Von Gerhard Spörl

Einem unbefangenen Beobachter kann kaum entgehen, daß viele Deutsche inzwischen leicht angegrünt sind. Wer kennt nicht etliche Zeitgenossen, die – ohne übermäßig jugendbewegt, alternativ oder kulturkritisch zu sein – ihren Privathaushalt, ihren oikos, wie eine kleine Bürgerinitiative organisieren: Der gute alte Komposthaufen im Garten kommt längst wieder zu seinem Recht; anstatt alles zu vermengen, wandern das Silberpapier, mit dem die Schokolade eingewickelt war, und die Aluminiumfolie, der Joghurtbecher, die leeren Batterien aus dem Kinderspielzeug und das Altglas hübsch getrennt in die dafür vorgesehenen Container. Angegrünt darf man dieses Alltagsbewußtsein nennen, weil es der Maxime folgt, daß ein jeder sein Scherflein zum Umweltschutz beitragen soll. Seitdem sogar vergleichsweise sachlich über ein Tempolimit geredet werden kann, stünden einer entschiedenen Umweltpolitik alle Türen offen – wenn die Regierung nur wüßte, wie sie aussehen muß.

So ausgeprägt das ökologische Bewußtsein mittlerweile ist, so gebrochen ist es auch. Die großen Katastrophen scheinen immer wieder zu beweisen, wie folgenlos die heimeligen Privatbemühungen bleiben und wie vorläufig die politischen Reformansätze ausfallen. Das Waldsterben, anfangs als deutsche Seelenneurose betrachtet, ließ sich nicht aufhalten nach der Lieblingsdevise des vordergründigen Pragmatismus: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt! Ein anderes Stichwort, fast schon wieder vergessen, weil sich die Ereignisse in den letzten vier Jahren nahezu überschlugen: Formaldehyd, ein Allerweltsstoff, der plötzlich gefährlich für Leib und Leben sein sollte. Schließlich Tschernobyl, eine Chiffre für die negative Dialektik der modernen Technik, weil Wohlstand und Fortschritt der Industriegesellschaft ihre Zerstörung heraufbeschwören können.

Was zu tun ist, dafür gibt es Formeln, die das Richtige meinen, und es doch falsch ausdrücken. Ökologie und Ökonomie zu versöhnen – diese Leitidee ist zunächst in Buschhaus und dann in Ibbenbüren ohne viel Federlesens mißachtet worden. Das pantheistische Wort vom "Frieden mit der Natur" – wann hätte es ihn je gegeben, wie sollte es ihn je geben? – wirkt ohnehin schief. Welche ungelenken Sätze entstehen, wenn Bukolik und Postmoderne möglichst in einem Satz zusammenströmen sollen, dafür lieferte auch Volker Hauff im Bundestag ein schönes Beispiel: "Für uns ist Wohlstand, wenn wir beim Wandern wieder aus dem Bach trinken können." Mit weniger Pathos kam gewöhnlich Friedrich Zimmermann aus; dafür beschrieb er seine säkulare Aufgabe zupackend und unanschaulich: "Wir müssen jetzt das Machbare tun und das Mögliche vorbereiten."

Im Bundestag haben sich die Parteien seit dem Machtwechsel 1982 viele Umweltschutzdebatten geliefert. Keine davon verdient es, groß genannt zu werden. Viele Abgeordnete sind kompetent, kaum einer übt Autorität über Parteigrenzen hinweg aus. Identifikationsfiguren, wie etwa Willy Brandt für die Ostpolitik, brauchen Zeit, ihren Namen unauflöslich mit der Sache zu verbinden. So lange bleibt die Ökologie denn auch ein Waisenkind, das viele Interessierte umwerben. Die FDP hätte Anspruch darauf; sie war es – der zuständige Minister hieß Genscher –, die Anfang der siebziger Jahre den Begriff entdeckte und die ersten Gesetze auf den Weg brachte. Die Grünen erkannten die umfassenden Probleme genauer, besser und früher als alle anderen; um so merkwürdiger, daß ihre Sternstunden in der Pazifismusdebatte und zur Zeit der Wörner-Kießling-Affäre schlugen, nicht nach dem Tschernobyl-GAU oder in der Chemiedebatte der vorigen Woche. Von ähnlichen Reflexen läßt sich die SPD leiten; wo es nur geht, lenkt sie zurück auf die klassischen Felder, zur Außen- und Wirtschaftspolitik,

Den weitesten Weg mußte die Union zurücklegen. Sie begann die Legislaturperiode mit einer Doppelstrategie. Einerseits ordnete sie Umweltschutz ein unter der Rubrik Erblast, Unterabteilung Gefühle, Angst und Kulturpessimismus, flüchtig und vergänglich, wie die Grünen selber, sobald die Verhältnisse erst einmal geklärt seien. Andererseits sprach der Innenminister Zimmermann den bedeutungsschweren Satz: "Der Schutz der Umwelt ist nach der Sicherung des Friedens die wichtigste Aufgabe unserer Zeit."

Umwelt, dieses merkwürdige Wesen stellte sich Zimmermann wahlweise als störrischer Patient dar, dessen Genesungsprozeß ungeahnt schwierig geriet, oder als Problemfeld, das lange brachgelegen hat, und nun eingezäunt, beackert und rekultiviert werden muß. Dabei offenbarten sich von Fall zu Fall nur die verschiedenen Aspekte derselben Sache, was den Diskutanten nicht immer klar schien. Erst beschäftigte uns die Luft (Waldsterben), danach war es der Boden (Georgswerder, Gerolsheim, Schönberg), schließlich das Wasser (Rhein). Da läßt sich nichts aussondern und abgrenzen. Da hängt alles mit allem zusammen, und da geht eines ins andere über. Diese Einsichten müssen spätestens jetzt in die Definition für Ökologie einfließen.

Die grüne Wende im Bewußtsein

Den Bewußtseinswandel spiegeln die Bundes? tagsdebatten wider. In der ersten Phase stellte sich die "ökologische Krise" als unliebsames Mitbringsel der Industriezivilisation dar. Um sie Wieder loszuwerden, erließ der zuständige Minister verdienstvolle Gesetze – TA Luft, Großfeuerungsanlagenverordnung – und zwang die Industrie zur Innovation: Katalysator, bleifreies Benzin, Rauchgasfilter. Die grüne Bundestagsabgeordnete Antje Vollmer beschrieb die Logik des Handelns ebenso zutreffend wie boshaft: "Man betrachtet sie (die Krise) als eine unglückliche Anhäufung verschiedener lästiger Einzelprobleme, die genügend zergliedert und mit Einzelauflagen bedacht schon zu bewältigen sind, und der Staat dient dabei als eine Art Feuerwehr, ausgerüstet mit einigen Eimerchen zum Löschen."

Über dieses Stadium ist man hinaus. Die Union, Ironie der Geschichte, holt jetzt sachte die Erfahrungen und Enttäuschungen der SPD nach, auch wenn sie deren Schlußfolgerungen nicht teilen mag. Dafür gibt es mehrere Indizien. Seit kurzem hat sich die Wortwahl gewandelt. Für Konservative lag es ja nahe, auf das Eigeninteresse und die Eigeninitiative der Industrie in Sachen Umweltschutz zu bauen. Das Vertrauen ist rheinab gegangen. Walter Wallmann redet seit neuestem erstaunlich offen auch über Umweltkriminalität und beklagt sich darüber, daß "meines Wissens immer wieder die Kleinen verfolgt werden, die irgendwo einen Liter Altöl einkippen, während die Großen, wenn sie denn gefaßt werden, mit einer Geldbuße oder Geldstrafe wegkommen". Kein Gedanke freilich, daß eine Art "Ökopolizei" Wasser, Luft und Boden retten hülfe. Solche Vorstellungen fördern höchstens die Illusion, daß einzelne dunkle, verantwortungslose Mächte Hand an die Lebenswelt legen. Aber Wallmann fürchtet vor allem den Vorwurf, er bagatellisiere und verharmlose die Probleme. Deshalb befleißigt auch er sich der Kritik an der Industrie.

Halb zieht es, halb drängt es jetzt den Umweltminister zu jener pragmatischen Philosophie der siebziger Jahre, die damals von der SPD monopolisiert wurde. Sie besteht darin, durch Technik und Organisation den herrschenden Übeln abzuhelfen. Angewandt auf die Umweltpolitik heißt das: Streben nach Perfektion, Sicherheit als oberstes Ziel. Als Vorbild dient die Atomindustrie. So, wie sie es angeblich geschafft hat, gleichsam unnötige Risiken zu minimieren und allerlei Sicherheitssysteme auszuklügeln, um die vielen einzelnen Risiken zu einem (zugegeben: gewaltigen) Restrisiko zu bündeln, so soll es jetzt auch die chemische Industrie machen. Alles in allem der vorerst jüngste konservative Versuch, die Krise systemimmanent zu bändigen.

Am Ende unterscheiden sich angegrünte Bürger kaum vom konservativen Umweltminister. Beide bemühen sich, das Folgerichtige zu tun in der Sorge, es werde folgenlos bleiben. Es ist der alte Wettlauf zwischen Hase und Igel, nur ahnt der Hase diesmal, daß er wohl verlieren könnte.