Von Ulf Böhringer

München

Spaltet sich die SPD?" fragten der Dachauer SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Hans Hartl (41) und 29 seiner Getreuen am 6. Dezember in großformatigen Anzeigen, die in Münchner Tageszeitungen veröffentlicht wurden. Die Frage stellt sich in der Tat; genauer formuliert müßte sie vielleicht so heißen: Was bleibt übrig von der SPD? Im Landkreis Dachau sind die Sozialdemokraten bereits in die politische Bedeutungslosigkeit abgestürzt: Mit weniger als 20 Prozent der Erststimmen erzielte Rechtsanwalt Hartl bei den Landtagswahlen im vergangenen Oktober das schlechteste Erststimmenergebnis in ganz Bayern. Er sitzt dennoch stolz im Maximilianeum, dem Landtag des Freistaates Bayern. Mit knapp einer Million Mark hatte er selbst einen Zweitstimmen-Wahlkampf in ganz Oberbayern finanziert.

Es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die anerkennend lachen: "So a Hund!" Weitaus mehr allerdings schütteln den Kopf und fragen sich, wie eine Parteikarriere wie die des Advokaten Hartl überhaupt möglich war. In der Parteizentrale am Münchner Oberanger liegen 40 Anträge auf Eröffnung eines Parteiordnungsverfahrens gegen Hartl vor. Begründung: Parteischädigung. Ziel: Parteiausschluß.

Die politische Laufbahn des Hans Haiti hatte Mitte der siebziger Jahre mit einem eineinhalbjährigen erfolglosen Gastspiel in der Dachauer CSU begonnen. Im Jahr 1977 gründete Hartl zusammen mit einigen Spezies die "Christliche Bürgerunion (CBU)" – er wollte Landrat im tiefschwarzen Landkreis Dachau werden, der im Norden an die bayerische Landeshauptstadt angrenzt. Seine Parolen waren einfach gestrickt ("den Bürokraten auf die Finger klopfen"), der Erfolg entsprechend. Bei den nächsten Kommunalwahlen reichte es zu einem Stadtrats-Sitz in Dachau. Allein der Aufstieg konnte über die CBU nicht klappen. Die FDP winkte ab.

Die bayerische SPD, von der übermächtigen CSU seit jeher an die Wand gedrückt, witterte in Hartl einen Kandidaten, so recht aus dem Holz geschnitzt, daß er sogar im Lande Ludwig Thomas etwas erreichen könnte: volkstümelnd, zielstrebig, ehrgeizig, ausgestattet mit ungewöhnlichen Ideen. Im Sommer 1980 trat Hartl in die SPD ein – gerade noch rechtzeitig, denn zwei Jahre muß man schließlich Mitglied sein, um als Landtagskandidat aufgestellt werden zu können.

Für eine Partei-Karriere sind Mehrheiten in den örtlichen Parteiverbänden nötig – Mehrheiten, die Hartl mit Leichtigkeit erreichte. Das Rezept: Man nehme die Getreuen aus der CBU und trete mit ihnen in die SPD ein ("109 neue Mitglieder auf einen Schlag" zitierten örtliche Zeitungen damals). Man gründe mit Hilfe dieser Getreuen eine ganze Reihe neuer Ortsvereine und kippe so den innerparteilichen Delegiertenschlüssel für die Wahlen zum Unterbezirksvorstand. Daß enge Vertraute die Funktion des Ortsvorsitzenden ausüben, versteht sich fast von selbst.