Dilettantisch und würdelos: Walter Huders Abservierung als Archivdirektor. Zur 750-Jahr-Feier leistet sich Berlin einen

Ja wissen die denn, was sie tun? Mit nicht zu unterbietendem Dilettantismus, ohne Würde, trennt sich die Berliner Akademie der Künste zum Jahresende von einem ihrer international am höchsten angesehenen Angestellten, vom langjährigen Leiter des Archivs und der Bibliothek, Professor Walter Huder.

Fehlendes Fingerspitzengefühl bei der Behandlung eines Wissenschaftlers, der die Pensionsgrenze erreicht, nötigte nicht zu öffentlichem Protest, wohl aber die Tatsache, daß nicht nur das Lebenswerk eines Menschen, sondern vor allem Ruf und Funktionsfähigkeit der Akademie selber schwer geschädigt werden – und das in dem Augenblick, da Berlin sich herausputzt zur 750-Jahr-Feier.

Ein Stellenangebot in Zeitungen Mitte Dezember bringt den Skandal ans Licht: Da sucht die Akademie zum 1. Mai 1987 einen Archiv-Direktor. Walter Huder, der in mehr als dreißigjähriger Arbeit für die Akademie Archiv und Bibliothek wieder aufgebaut hat, wird am 30. Dezember 65 Jahre alt. Was geschieht in den vier Monaten in der für Forschung und Öffentlichkeit interessantesten und am häufigsten besuchten Abteilung der Akademie? Nichts. Eine Handvoll tüchtiger Mitarbeiterinnen wird vollauf damit beschäftigt sein, Archiv und Bücherei in Ordnung zu halten, Anfragen zu beantworten, Unterlagen zu verschicken.

Die Entscheidung, den Verwaltungsdirektor der Akademie fast ein halbes Jahr lang mit der kommissarischen Leitung des Archivs zu beauftragen, läßt an dem in der Akademie versammelten Sachverstand zweifeln. Der Verwaltungsdirektor, ein vielbeschäftigter Mann und mit den speziellen Aufgaben eines Archivars und wissenschaftlichen Bibliothekars nicht vertraut, kann wenig mehr als hinhaltende Antworten geben und Mitarbeiter bei Laune halten. Leichtfertig wird der gute Ruf des Archivs als einer wissenschaftlichen Forschungsstätte aufs Spiel gesetzt. Demütigend für einen Wissenschaftler von Rang, der bis zur Erschöpfung Nachlässe für das Archiv der Akademie zusammengetragen hat: den unbekannten Nachfolger stuft die Akademie gleich eine Gehaltsgruppe höher ein.

Am schlimmsten: die Akademie ist blind für die Besonderheit der von Huder aufgebauten Bibliothek (65 000 Bände) und der 165 Sammlungen und Einzelarchive, die einen Wert von rund 25 Millionen Mark haben. Daß das Archiv neben dem in Marbach heute die bedeutendste Sammlung ist, verdankt sie der Intelligenz, dem Fleiß – und der menschlichen Integrität dieses Mannes. Huder konnte nie mit Schecks wedeln, aber er hat aus Deutschland vertriebene Künstler, viele Witwen und Kinder von Emigranten überzeugen können, daß die Hinterlassenschaften in den Schatzkammern des Archivs der Akademie am besten aufbewahrt seien. Wie soll ein Nachfolger, mit den persönlichen Bindungen ganz unvertraut, sich ohne Huders Rat und Hilfe da zurechtfinden? Aber die Akademie will keinen Pfennig ausgeben für ein paar Wochen der Einarbeitungszeit.

Nur die (neue) Abteilung „Film- und Medienkunst“ und ihr Direktor, Peter Lilienthal, haben für eine Übergangszeit mit Huder und einem Nachfolger gekämpft, wie der ehemalige Präsident, Günter Grass, sie wollte. Lilienthal schreibt: „Besonders jetzt, wo das schwache Gedächtnis unserer konservativen Gesellschaft als Festung dient, brauchen wir Huders unbestechlichen Blick für Vergangenes und Zukünftiges.“

Die Wirklichkeit sieht so aus: Der in Mladé Buky in der Tschechoslowakei geborene Huder, geehrt nicht nur mit dem Verdienstkreuz der Bundesrepublik sondern auch mit der Gedenkmedaille Warschauer Getto-Aufstand und Slowakischer Nationalaufstand, mußte erst mit Arbeitsverweigerung drohen, ehe nach drei Tagen die Schmiererei: „Antifaschismus, verrecke!“ auf der Anzeigentafel der Akademie gelöscht wurde. Rolf Michaelis