Nach neun Tagen und drei Minuten hatte sich ein alter Fliegertraum erfüllt: „Voyager“ setzte einen Tag vor Heiligabend auf der Piste des kalifornischen Flugplatzes Edward auf. Dort war das Leichtbauflugzeug am 14. Dezember gestartet, zu einem Flug rund um die Welt ohne Zwischenlandung und ohne Nachbetankung, nonstop rund 42 000 Kilometer weit. Der 48jährige Dick Rutan und die 34jährige Jeana Yeager schrieben sich in die letzte freie Spalte des Guinness Book of Records, Abteilung Luftfahrt, ein; verdienter Lohn für eine ungewöhnliche psychische und physische Leistung. Und für Amerika, das im Rückblick auf das Jahr 1986 auch der sieben Astronauten gedenken muß, die bei der Explosion der Raumfähre „Challenger“ ums Leben kamen, Balsam auf kaum verheilte Wunden.

Rekorde haben ihre eigene Logik. Gefeiert werden – zu Recht – eine Frau und ein Mann, die viel riskiert haben, die in einem schmerzhaft lauten Cockpit, kleiner als eine Telephonzelle, Stürme ausgehalten, Müdigkeit bekämpft, Pannen gemeistert und Ängste überwunden haben. Vergessen werden – zu Unrecht – die tausend Namenlosen, die den Erfolg erst ermöglicht haben – die Wissenschaftler, die jene Leichtbaustoffe entwickelt haben, ohne die „Voyager“ nicht gebaut werden konnte; die Mechaniker, die „Voyagers“ Motoren zusammenbauten; die Meteorologen, die das empfindliche Gebilde um Gefahrenzonen herumlenkten. Riesen sind auch nur Normalgroße, die auf den Schultern einer riesigen Pyramide stehen. Doch wer will – oder kann – schon eine Menschenmenge bejubeln? Und wer mag angesichts des Jubels nach dem Nutzen eines solchen Rekords fragen?

Denn „Voyager“ ist auch ein Stück vom amerikanischen Traum, daß es nur Tatkraft, Zähigkeit und Begeisterung braucht, um jede Herausforderung zu bestehen. Ein hochbegabter Konstrukteur von Leichtflugzeugen, Burt Rutan, dessen Bruder, der Vietnam-Veteran Dick Rutan, und die flugbegeisterte Jeana Yeager hatten sich vor sechs Jahren ein Ziel gesetzt. Ohne Staatsgelder, angewiesen auf Spenden und Hilfe von Freunden, bauten sie für zwei Millionen Dollar ein ungewöhnliches Flugzeug, eine Mischung aus alten Prinzipien und modernster Technik, das ein Mehrfaches seines Eigengewichts (leichter als ein Mittelklasseauto) an Treibstoff mit sich schleppen kann. Und auch die fesselnde Sensation kam selbstverständlich nicht zu kurz. Beim Start berührten die Spitzen der durchhängenden Flügel den Boden, so daß Stücke abrissen. Turbulenzen warfen die beiden Piloten umher und verursachten schmerzhafte Prellungen. Ausweichkurse und Steigmanöver verlangten, den Frontmotor länger laufen zu lassen als geplant (im Reiseflug schob normalerweise nur der Heckmotor) – würde der Sprit reichen? Aus Übermüdung vergaß die Crew, Öl nachzufüllen – der Motor verargte es ihnen dennoch nicht. Eine Luftblase in einer Treibstoffleitung führte zu Motorstillstand und einem unfreiwilligen Sinkflug. Treibstoffdämpfe drangen in das Cockpit ein – die Reise um die Welt, davon der größte Teil über See, wurde auch ein Abenteuer, das zu verfolgen, dessen glückliches Ende zu bejubeln leichter fällt, als die Bewährungsprobe für neuartige Kunststoffe zu würdigen. Ohne die Zuverlässigkeit von Zündkerzen. Auch Helden brauchen Technik, wie die Technik ihre Helden. H. B.