Von Heinz-Günter Kemmer

Klaus Barthelt, der Vorstandsvorsitzende der Kraftwerk Union (KWU), sprach von „drei bedrückenden Dingen“: Die Auslastung der Werke in Mülheim und Berlin sei viel zu gering; weil der Stromverbrauch kaum zunehme, würden die E-Werke sich mit Investitionen zurückhalten; und schließlich hemme die Finanzschwäche vieler potentieller Abnehmerländer die Ausfuhr. Barthelts Klage datiert vom Frühjahr 1983 – seither hat sich für die KWU nichts gebessert.

Im Gegenteil, der damals noch stolze Auftragsbestand von sechzehn Kernkraftwerken ist zu einem guten Teil abgearbeitet, neue Aufträge sind nicht hereingekommen. Am Ende des Geschäftsjahres 1984/85 standen noch elf Anlagen auf der Auftragsliste, davon ist der umkämpfte Reaktor in Brokdorf in Betrieb genommen, der schnelle Brüter in Kalkar ebenfalls fertig, aber noch nicht in Betrieb, und die Kraftwerke Biblis C und Wyhl sind wohl Karteileichen.

Was an Arbeit bleibt, sind sieben Atommeiler, von denen man nur bei vier einigermaßen sicher sein kann, daß sie zügig fertiggestellt werden. Es sind die baugleichen Kernkraftwerke Isar II, Neckarwestheim II und Emsland, die als „Konvoi“ bezeichnet werden. Hinzu kommt das Kraftwerk Trillo I in Spanien. Im Orderbuch finden sich dann noch die Anlagen Angra II und III in Brasilien sowie Atucha II in Argentinien, deren Weiterbau zwar beschlossene Sache, aber immer noch von der Schwindsucht südamerikanischer Etats bedroht ist.

Anschlußaufträge aus der Bundesrepublik liegen nicht vor und sind vorerst auch nicht zu erwarten. Das ist nicht so sehr eine Folge des Tschernobyl-Unglücks – es fehlt einfach der Bedarf. Die Zuwachsraten des Stromverbrauchs bleiben trotz konjunktureller Belebung weit hinter denen früherer Jahre zurück, und die Stromkapazität eilt dem Bedarf weit voraus. Jedes zusätzliche Kernkraftwerk mit der Standardleistung von 1300 Megawatt (MW) kann einen Verbrauchszuwachs von rund drei Prozent decken. Mit Brokdorf und den drei Konvoi-Anlagen ist also auf Jahre vorgesorgt.

Auf der anderen Seite hindert der Abnahmevertrag mit dem Steinkohlenbergbau die Elektrizitätsversorger daran, den Anteil des Atomstroms weiter überproportional wachsen zu lassen. So hält denn Barthelt „den nuklearen Aufbau in der Bundesrepublik für im wesentlichen abgeschlossen“. Neue Aufträge könnten nur noch Mehrverbrauch oder Ersatz alter Kernkraftwerke bringen.

Unterstellt man für Kernkraftwerke eine Lebensdauer von dreißig Jahren, dann ist an Ersatz auf absehbare Zeit nicht zu denken. Der älteste kommerzielle Reaktor in der Bundesrepublik hat gerade siebzehn Jahre auf dem Buckel, das Durchschnittsalter aller Kernkraftwerke liegt bei acht Jahren, und das älteste der Großkraftwerke mit 1300 MW Leistung – Biblis A – ist elf Jahre alt. Unbeschadet der Ausstiegsdiskussion gibt es da vorerst keine Perspektive. Es sei denn, die Reaktoren gäben früher als erwartet ihren Geist auf.