Von Raimund Hoghe

Zwischenstopp. Oberhalb der Spanischen Treppe, neben den rotgelben Werbeschildern des nahegelegenen McDonald’s-Restaurants, hält ein Reisebus mit deutschem Kennzeichen. Eine Frau steigt aus und fragt: „Wo kann man hier die tollen Aufnahmen machen?“ – „Unten“, erwidert ein kundiger Mitreisender und steigt entschlossen zur Piazza di Spagna hinunter. Fotoapparate klicken, Maler bieten ihre Dienste an, in einer Ecke werden Blumen verkauft. Ein paar Schritte weiter, in der auf die Spanische Treppe zulaufenden Via Condotti: das berühmteste Café der Stadt, das vor mehr als zweihundert Jahren eröffnete Caffé Greco. Mitglieder einer Reisegruppe halten Einzug, nehmen unter einer Bildergalerie Platz und erinnern sich: „Der Cappuccino auf dem Markusplatz in Venedig war ausgezeichnet.“ Einer der Reisenden zieht am Klettverschluß seines grauen Sportschuhs. Ein älterer Herr im Frack kommt und nimmt die Bestellung entgegen: „Cappuccino.“ Am Revers des Herrn, in silbernem Schriftzug: „Caffé Greco“, darunter die Zahl 1.

Die 1 bedeutet nur, daß er der älteste Kellner sei, berichtet Domenico Guarnera. Denn ob einer die 1, 2 oder 3 trage: „Die Arbeit ist die gleiche, da gibt es keinen Unterschied.“ Hauptzweck der Nummern: „Wenn ein Gast sich beschwert, kann er sagen: ‚Der Kellner Nr. 1, 2 oder 3 hat mir nicht gefallen‘“, erläutert er einem Freund, der übersetzt. Seinen Stolz auf die silberne 1 verbirgt er trotz solcher Erklärung nicht. Länger als alle andern sei er im Greco – „seit 1954. Die Kollegen sind alle nach mir gekommen.“

Ja, viele Berühmtheiten habe er in dieser Zeit kennengelernt – den Maler Giorgio de Chirico zum Beispiel und Dr. Barnard, den Herzspezialisten; John F. Kennedy und Konstantin von Griechenland, italienische Spitzenpolitiker wie Pertini und Andreotti ebenso wie Gina Lollobrigida und Sophia Loren. „In den 32 Jahren, in denen ich hier bin, habe ich sehr viele Persönlichkeiten bedient“, stellt er fest und bemerkt: „Wo Sie jetzt sitzen, hat Fellini gesessen.“

Im 18. Jahrhundert war das Greco nicht zuletzt ein bevorzugter Treffpunkt deutscher Künstler. Von dem prominentesten erzählt ein Faltblatt des Cafés: „Im Jahr 1779 und auch später besuchten es regelmäßig Heinrich Tischbein und Karl Moritz in Begleitung ihres bedeutenden Freundes Johann Wolfgang von Goethe.“ Auch heute seien wieder sehr viele Deutsche unter den Gästen, berichtet Domenico Guarnera. „Vor zwei Jahren kamen noch mehr Japaner, jetzt kommen mehr Deutsche, Franzosen und Griechen.“ Die Nationalität der Besucher erkenne er immer sehr schnell. „Wenn ich sie sehe, weiß ich, ob es Franzosen, Deutsche oder Italiener sind – am Akzent höre ich es sofort.“ Und als müsse er es beweisen, identifiziert er gleich eine junge Dame am Tisch gegenüber, nimmt ihre auf italienisch gegebene Bestellung entgegen und kommt anschließend mit der Bestätigung zu uns: „Die Dame hat zwei Bier und ein Mineralwasser bestellt, und ich habe gehört, daß sie Französin ist.“ Die so Identifizierte guckt irritiert.

Ein spitzbärtiger Mann aus der deutschen Reisegruppe packt seine japanische Videokamera aus und beginnt, seine Mitreisenden zu filmen. Domenico Guarnera erinnert sich: ^Früher sind viele Künstler gekommen – aber alles hat sich geändert, deshalb kommen sie nicht mehr. Jetzt gibt es ein anderes Publikum, jetzt kommt alles – jetzt kommen die Leute, junge Leute auch, junge Burschen.“ Vormittags, wenn die Touristengruppen ihr festgelegtes Sightseeing-Programm zu absolvieren haben, sitzen jedoch noch immer auch die alten Gäste im Greco – elegante Damen der römischen Gesellschaft zum Beispiel. „Sie trinken hier ihre Schokolade oder nehmen den Tee – wie früher.“ Als das Greco im November, dem „Monat des Todes in der ganzen Welt“, für einige Tage geschlossen wurde, weil die städtischen Gesundheitsbehörden in dem 1953 zum nationalen Kulturdenkmal erklärten Café auf Mäusedreck, Mistkäfer und schlecht gewordene Milch stießen, traf sie das wie ein Schlag. Der Schriftsteller Alberto Moravia, der seit über fünfzig Jahren ins Greco geht und dort auf den roten Samtpolstern immer wieder „Zeit zum Nachdenken“ fand, klagte im Namen vieler Römer: „Ein Traum geht zu Ende.“

Jugendträume. Als er jung war, habe er Steward in einem Flugzeug sein wollen, erinnert sich Domenico Guarnera. „Später wollte ich Barmann in einem Transatlantikzug werden.“ Doch angefangen habe er schließlich in einem Hotel in Ägypten, wo er 1931 geboren wurde. „Ich komme aus dem Herzen von Ägypten, aus Kairo. Mein Vater hatte eine Bäckerei, eine der besten, die es gab. Jetzt ist er schon lange tot“, berichtet er, und: „Wir waren fünf Geschwister, jetzt sind noch drei geblieben.“ Eine seiner Schwestern, die schon früh nach Italien gegangen war, habe ihn damals nachgeholt. „Sie hat gesagt: ‚Komm, hier gibt es Arbeit‘“. Als 21 jähriger kommt er nach Venedig und wird zweiter, Barmann in einem Luxushotel am Lido. „Und 1954 habe ich dann im Caffé Greco angefangen.“