Das Wort des Jahres heißt Ausstieg. So bestimmte es – wie jedes Jahr – der Sprachwissenschaftler Broder Carstensen. Doch auch ohne professorale Nachhilfe dürfte das jedem Zeitungsleser klar gewesen sein, nachdem der Atomunfall von Tschernobyl die Debatte um den Ausstieg aus der Kernenergie auslöste.

Welche Variationsmöglichkeiten die Vokabel bietet, führte CDU-Generalsekretär Heiner Geißler vor. „Die Sozialdemokraten waren erst für den Einstieg in die Kernenergie. Dann waren sie für den Ausstieg aus der Kernenergie. Dann waren sie für den Einstieg in den Ausstieg. Dann waren sie für den Umstieg. Dann waren sie für den Einstieg in den Umstieg zum Ausstieg. Mit den Leuten kann es nur zum Abstieg der Bundesrepublik Deutschland kommen.“ Zur Dramatisierung dieses Abstiegs konstruierte das industrienahe Institut der deutschen Wirtschaft eine „Ausstiegsleiter“ aus der Industriegesellschaft. Am Ende stehen gesunkener Lebensstandard, reduzierte Sozialleistungen und die Gefährdung von mindestens sechs Millionen Arbeitsplätzen. Fragt sich nur, ob diesen Ausstieg überhaupt jemand ernsthaft betreibt.

Der Aussteiger des Jahres war kein linker Vogel oder alternativer Phantast, sondern der SPD-Abgeordnete Lothar Löffler. Wie so manches andere Mitglied des Deutschen Bundestages kandidiert er nicht für ein neuerliches Mandat. Bekanntere Kollegen (wie Helmut Schmidt, Rainer Barzel, Josef Ertl oder Eugen Glombig) nutzten ihren letzten Auftritt vor dem Plenum für staatstragende bis sentimentale Abschieds reden.

Nicht so der Berliner Oberschulrat a. D. Löffler. Nüchtern bemerkte er in der Haushaltsdebatte: „Dies war auch meine letzte Rede. Sentimentalität war bei diesem trockenen Stoff völlig ausgeschlossen. Dafür bin ich außerordentlich dankbar. Es verbleibt mir nur, Ihnen alles Gute zu wünschen. Ich war gerne hier, aber nun langt es.“

Der flotteste Spruch des Jahres stammt vom FDP-Vorsitzenden und Bundesminister für Wirtschaft Martin Bangemann: „Es ist ja eine Mär, daß Wirtschaftspolitik im Sinne von Marktwirtschaftspolitik in der CDU/CSU-Koalition leichter durchsetzbar sei als in der sozial-liberalen. Sie ist mindestens so schwierig, wenn nicht sogar in manchen Fällen schwieriger durchzuhalten.“

Da wird sich der Wähler möglicherweise fragen, warum das Bündnis von SPD und FDP überhaupt in die Brüche ging, wenn es nicht an Streit um die Treue zur Marktwirtschaft scheiterte. Aber wer weiß, vielleicht ist in Bangemanns Augen die ganze Wende eine Mär...

Die kürzeste Antwort des Jahres erhielt der CDU-Abgeordnete Gerhard Braun auf seine Anfrage zum umstrittenen Thema „Besteuerung von Zinseinkünften“. Der Kaufmann aus Wermelskirchen war bei der Lektüre der Wirtschaftswoche aufgeschreckt, in der zu lesen stand: „Allen bisherigen Beschwichtigungen zum Trotz plant die Bundesregierung offensichtlich, eine Quellenbesteuerung durch die Hintertür einzuführen.“