Von Manfred Gräter

Der Untersuchungsausschuß nimmt Platz, darunter mehrere Komponistenwitwen, der Musikkritiker der Süddeutschen Zeitung, der Masseur der Philharmoniker, der Rentenexperte des Deutschen Musikrats sowie Pina Kugel und Mauricio Tausch als Vertreter des Interessenverbandes unterschätzter Künstler.

Das „Ensemble InterContemporain“ spielt den sinfonischen Prolog „Archilochius maior“ eines anwesenden Tonsetzers. (Anmerkung des Komponisten: „Archilochius maior“ ist – entgegen landläufiger Deutung – kein lateinisches Schimpfwort, sondern – laut Duden – „die Bezeichnung einer antiken Versform, bestehend aus einer daktylischen Tetrapodie und einem Ithyphallicus“.)

Nachdem der spärliche Beifall abgeflaut ist, wird der Angeklagte hereingeführt und seiner Handschellen entledigt. Er nimmt einen Knebel aus dem Mund und tritt ans Rednerpult:

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Kultusminister, man hat mich beschuldigt, bei der Förderung zeitgenössischer Musik ungewöhnliche Wege gegangen zu sein und vor allem den Komponisten Hans-Jürgen von Blei einseitig bevorzugt zu haben. Ich nehme diesen Vorwurf nicht leicht, zumal ich weiß, daß er von einem ebenso unparteiischen wie repräsentativen Gremium ...“ Der Angeklagte trinkt einen Schluck Mineralwasser und fährt fort:

„Hohes Haus, die Lage der heute noch lebenden Komponisten ist beunruhigend. Wie uns die GEMA (Gesellschaft zur Erhaltung musikalischer Abstinenz) wissen läßt, wird die Zahl arbeitsloser nur noch durch die Fülle einfallsloser Tonsetzer übertroffen.“ „Einschlägige Untersuchungen, vor allem der Jahresbericht der Zentrale für Kreditüberwachung bei den deutschen Bankinstituten haben ergeben, daß die Verschuldung nicht-tonaler Komponisten rapide zunimmt. Der Wohnungsverband ‚Neue Einfachheit‘, der in fünfzig Klein-Appartments über zweihundert Tonsetzerfamilien Unterschlupf gewährt, steht ebenfalls vor einem finanziellen Ruin. Dem Vernehmen nach soll er von einer englischen Pop-Gruppe aufgekauft werden, die bereits mit der Kündigung bestehender Mietverträge und dem Einbau von Badezimmern gedroht hat.“

Der Masseur der Berliner Philharmoniker wird von einem Weinkrampf geschüttelt und hinausgetragen.