Von Christoph Bertram

Für das Wunderkind Asiens geht die Zeit des unbeschwerten Wachstums zu Ende. Japan, das seit den fünfziger Jahren so erfolgreich auf Vollbeschäftigung und Modernisierung setzte, das die Ölschocks der siebziger Jahre mit erstaunlicher Anpassungsfähigkeit meisterte und zum größten Gläubiger der Welt avancierte, tritt in eine Entwicklungsphase, die von Selbstzweifeln und Pessimismus gekennzeichnet ist. Kann das Land, so lautet die inzwischen überall gestellte Frage, können seine Politiker, Bürokraten und Unternehmer die politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen der neunziger Jahre bestehen?

Am deutlichsten signalisiert die Entwicklung der wirtschaftlichen Daten, daß die goldenen Zeiten vorbei sind. Die Bürger merken es im Portemonnaie. Die Gratifikationen zum Jahresende, die einen Großteil der japanischen Gehälter ausmachen, fallen diesmal dürftig aus. Sie sind – anders als das Weihnachtsgeld der Westdeutschen – vom Unternehmensgewinn abhängig. Die durch Export reich und mächtig gewordenen Großunternehmen erleiden Gewinneinbußen, die nicht selten zwischen 50 und 80 Prozent liegen.

Die Schwerindustrie – Schiffbau, Stahl, Kohlebergbau – ist durch die weltweite Krise angeschlagen; die hochsubventionierte Steinkohleförderung soll in den nächsten Jahren ganz eingestellt werden. Doch nicht nur die alte Industrie, auch die Elektronikunternehmen Nippons, die einst im Sturmlauf die Märkte eroberten, sind in die Defensive geraten; der Absatz ihrer Produkte sinkt. Bestürzung macht sich breit. Der Einbruch im internationalen Computermarkt schadet den japanischen Chip-Herstellern trotz ihres ständig wachsenden technischen Vorsprungs. "Unser Fehler war", so ein Manager der NEC-Corporation, "daß wir zu sehr an unsere eigenen Vorhersagen glaubten."

Anstatt ihren Reichtum zu Hause einzusetzen, haben die Japaner es vorgezogen, ihr Geld draußen anzulegen. Die drastische Yen-Aufwertung gegenüber dem Dollar (vierzig Prozent seit dem September 1985) hat bisher die Preise für den heimischen Verbraucher nur sehr geringfügig gedrückt. Die Arbeitslosigkeit wächst – auch wenn sie mit drei Prozent Ende 1986 den meisten westlichen Staaten noch nahezu "paradiesisch" erscheinen muß. Doch täuscht diese Zahl: Würden in Japan für Erwerbslosigkeit ähnliche Berechnungskriterien wie in den Vereinigten Staaten zugrunde gelegt, wäre der Prozentsatz fast doppelt so hoch. Außerdem ist das Problem der Arbeitslosigkeit für Japan neu. Schon taucht die Frage auf, ob das eng geflochtene Sozialgefüge von Solidarität und Einordnung den Belastungen standhalten kann.

Dabei sind die protektionistischen Bestrebungen anderer Länder – vor allem der Vereinigten Staaten – noch nicht einmal voll durchgeschlagen. Sie werden Japan viel härter treffen als andere, weniger abhängige Handelspartner. Die Hälfte der japanischen Exporte geht in den Dollar-Raum, ein ganzes Drittel in die Vereinigten Staaten.

Ein Land, das so geflissentlich erfolgreiches Wirtschaften als die beste Politik überhaupt ausgegeben und betrieben hat, müssen diese Aussichten schockieren. Von der in den vergangenen Jahren häufig konstatierten Arroganz der Japaner ist jedenfalls nicht mehr viel zu spüren. Auch Japans bisherige Unfähigkeit, seine Interessen mit politischen Mitteln (statt nur mit Geld) wahrzunehmen, kommt dem Land jetzt teuer zu stehen.