Echte

Jeder könnte Dutzende anderer Dörfer nennen, denen Ähnliches widerfuhr. Hier aber geht es um ein bestimmtes Dorf, um Echte. Postanschrift Kalefeld 7, gelegen an der A7, mit besten Verkehrsverbindungen nach Osterode, Northeim und Göttingen, 340 Häuser, 1365 Einwohner, darunter 13 Landwirte und über 300 Pendler.

Echte hat Abschied genommen von einem Ort gleichen Namens, der sich in einer Neuesten Länder- und Völkerkunde im Jahre 1818 wie folgt beschrieben fand: „Echte, eines der schönsten Dörfer der ganzen Gegend, an der Frankfurter Heerstraße und an der Aue, 89 Häuser, 512 Einwohner, worunter Professionisten, 8 Leinweber und viele Fuhrleute. Es hat zwar viele Berge, Hügel und Holzungen, aber auch einträgliche Getreidefelder, Flachs, Kartoffel- und Obst-, besonders Kirschenbau und starke Viehzucht. Die Nebenverdienste der Einwohner bestehen hauptsächlich in Leinenweberei, Garnspinnerei und Holzbauerei.“

Im Fall Echte ist die Entwicklung zwischen diesen beiden Polen, das Vorher/Nachher dokumentiert und belegt worden – mit alten Photos aus Echter Alben und Zigarrenkästen, mit neuen Aufnahmen und mit den Aussagen der Bewohner. Entstanden ist ein Buch, das sich mit den Klischees von Provinzialität und Idylle nicht zufriedengibt. Und natürlich sind wir da schon wieder einmal in der „Heimat“ angekommen – jenem berüchtigten Begriff, der kürzlich eine Wiederbelebung erfuhr und mittlerweile schon wieder heftige Ermüdungserscheinungen zeigt. Vieles hat sich als „Heimat“ dargestellt, was sich in Nostalgie und rührender Verzerrung verlor.

Beim „Abschied vom alten Dorf“ indes überzeugt die unsentimentale Authentizität. Straßen, Wege, Höfe, Plätze – wie sah das aus, was ist daraus geworden? Was sich in ihrer unmittelbaren Umgebung bis zur Unkenntlichkeit verändert hat, wird den Echtem selbst offenbar erst durch die „objektive Aufnahme“ bewußt; im Alltag hatten sie es nicht recht wahrgenommen (oder verdrängt?), was sie ihrem Dorf zugemutet haben.

Verschwunden ist der alte Mühlengraben; Gärten, Ställe, Schuppen, die Brauerei, die Molkerei. Abbrüche, Durchbrüche, Verbreiterungen veränderten die Perspektive. Wege wurden asphaltiert, Straßen zu autogerechten Schneisen, Trampelpfade zu Bürgersteigen. Heute, sagt einer von innen, kann man ja überall in Pantoffeln hin, früher war das überall Matsch.

Ihr Gesicht verloren haben auch die Häuser. Gewiß, es gibt keine dankmalpflegerische Schandtat zu melden. Aber zum Erschrecken reicht es: Da werden Fassaden ihrer Symmetrie beraubt, Eingänge verschoben, Tore zugemauert, alte Fenstermaße zu Panoramascheiben, Holztüren zu Villeneingängen, und meist verschwindet Fachwerk unter der Plattenfront vom Baumarkt.