Von Gunhild Freese

Das langgestreckte Gebäude ist düster-grau verputzt, ein Teil der Wand neben dem Haupteingang ist – im tristen Stil der späten fünfziger Jahre – mit bunten Glasbausteinen verziert. Die schmucklose Empfangshalle wird nur durch ein paar Blattpflanzen belebt. An den Wänden hängen Fußballbilder, Mannschaftsphotos mit Unterschriften versehen und mit Grüßen an den Präsidenten.

Im ersten Stock residiert der Chef des Hauses. Die Wände des großen Raumes sind voll behängt mit Fußballphotos und Vereinswimpeln, in Vitrinen stehen blankgeputzte Pokale und Skulpturen. Und wie er da sitzt am langen Tisch, die Hemdsärmel hochgekrempelt, gut beleibt, freundlich lächelnd – ist er ganz das Bild eines Vereinspräsidenten: zweite Liga, einer von der netten Sorte, der noch mit seinen Jungs einen hebt und ein Ohr hat für deren Nöte und Sorgen.

Doch das schmucklose graue Gebäude ist nicht das Vereinshaus eines Fußballklubs. Hier, in einem Gewerbegebiet in Bochum-Wattenscheid am Ruhrschnellweg, direkt an einer von Fernschnellzügen dicht befahrenen Bundesbahnstrecke befindet sich die Firmenzentrale des größten Damenoberbekleidungskonzerns Europas. Und das Zimmer voller Fußballtrophäen ist das Chefbüro des Unternehmens.

Von hier aus steuert Klaus Steilmann, Firmengründer und Konzernherr, sein Imperium, mit dem er im Jahr 1985 fast 1,1 Milliarden Umsatz machte und das 6300 Menschen beschäftigt. Fußball ist gewiß die große Liebe des Textilmannes, der sogar einmal Präsident von Wattenscheid 09 war, aber die Mode ist sein Job – und das mit Leidenschaft.

Der Mann, auf den keines der Klischees paßt, die mit Modemachern in Verbindung gebracht werden, widersteht auch sonst den Vorstellungen, die man von erfolgreichen Großunternehmern hat. Keine Sekretärin überwacht den Zugang zum Allerheiligsten. Es gibt nicht einmal ein Vorzimmer. Die Tür zu Steilmanns Büro steht für jeden stets offen. Und einen Assistenten, der dem Chef die wichtigsten Daten und Zahlen zuliefert, braucht er auch nicht – das hat er alles im Kopf.

Und nicht einmal die Erschütterungen und der Lärm der alle paar Minuten vorbeirasenden Eisenbahnzüge hat ihn besonders genervt. Erst in diesem Jahr – nach fast dreißig Jahren an diesem Standort – hat er damit begonnen, auf eigene Kosten einen Lärmschutzwall zu bauen –, weil durch die häufigen Unterbrechungen die Telephonrechnung zu hoch wurde. In ein paar Jahren, so rechnet er vor, hat er die Baukosten schon wieder raus.