Für einen Moment vielleicht bleibt jemand stehen. Blaue Wellen und sichelblättrige Palmen, ein ganz ganz junges Mädchen, eine Kokosnuß in der Hand, ein strahlender Jüngling mit Blüten im Haar. Was soll ich dort für 2390 Mark?

2 Wochen, inkl. kl. Kreuzfahrt – ich bitte dich, sagt da jemand zu sich selbst und legt sich schräg gegen den Wind, Ecke Kaiser-Wilhelm-Straße/Fuhlentwiete, und tritt fester auf, damit die Zehen nicht frieren, und zieht den Schal zusammen, bis es drückt.

„La mort nous affecte plus profondement sous le règne pompeux de l’éte“, schreibt Charles Baudelaire (in den „Künstlichen Paradiesen“): „Der Tod berührt uns tiefer unter der gleißenden Herrschaft des Sommers ...“ Kann man, denke ich Ecke Kaiser-Wilhelm-Straße/Fuhlentwiete, den Satz nicht auch umkehren? Berührt nicht das Leben uns stärker unter der strengen Herrschaft des Winters? Ach, all die, welche, kaum daß die Blätter sich färben, in die Reisebüros eilen und einen Flug zu den Malediven buchen – wie sie flüchten, panisch, in Super-Jumbos, von einem Sommer in den nächsten! Sie ahnen nichts von den Geheimnissen des Winters, seinen Freuden, und an faden Stränden, im lauwarmen Salzwasser, verpassen sie auf immer die wundersamste Zeit des Jahres.

Was kommt der schönen Rätselhaftigkeit jener Augenblicke gleich. Wenn man an einem Winterabend, zu einem Fest geladen, in einer Fensternische steht und hinausschaut in den stillen schwarzen Garten ... um sich herum Musik und Geschwätz, Gelächter, Rauch ... in der Hand ein halbvolles Glas, und man lauscht den Ausführungen eines Astrophysikers aus Göttingen über die Strukturen des Sternenstaubs, bewundert die Sinuskurve eines Dekolletés, das vorüberschwebt – und draußen beginnt es amüsiert zu schneien?!

Oder ein Nachmittag in einem leeren Spätcafe, wo mir ein elfenartiges Wesen – Mann oder Frau, ich weiß es nicht – eine Tasse Tee serviert, um dann hinter der Theke leise weiterzutelephonieren, halb auf Italienisch, halb auf Englisch, während Regen und Hagel die Straße fegen?! Ah, la vie nous affecte plus profondement sous le règne rigoureux de l’hiver.

Alle Geräusche des Lebens klingen, obwohl schneegedämpft, lauter im Winter; alle Gesten, Bewegungen wirken stärker und heftiger im Winter. Die Sterne leuchten heller, die Lichtreklamen bunter, ein Lachen klingt freier, und man begreift, warum Feuerwerke im Sommer so langweilig sind.

Denn an einem Sommerabend im Park, an einen Stamm gelehnt, sieht man am Himmel nur buntes Verlöschen. Das öde, lärmende Schauspiel an der schwarzen Himmelswand ist nichts als ein trauriges Menetekel des raschen Endes von sommerlicher Lust und Föhlichkeit.