Memmingen/Mindelheim

Es war zur Weihnachtszeit. Cornelia sollte bei der bevorstehenden Weihnachtsfeier einen Engel darstellen. Dem frommen Spiel gingen ziemlich brachiale Vorbereitungen voraus, wie zwei Jahre später in einer Anklageschrift nachzulesen ist. Demnach wurde Cornelia, die sich anfangs weigerte, die Engel-Rolle zu übernehmen, mit roher Gewalt zu Boden geschleudert und gewürgt, bis sie nur noch röchelte.

Daß die heute 19jährige Cornelia vor dem Amtsgericht Memmingen ihre vorher gemachten Aussagen über diesen zwei Jahre zurückliegenden Vorfall widerrief, daß das Gericht dennoch den Angeklagten wegen dieser und weiterer Taten für schuldig befand, das ist Teil einer Geschichte, die im bayerisch-schwäbischen Landkreis Unterallgäu seit fast fünf Jahren ihre Kreise zieht, Ämter und Gerichte beschäftigt, Familien gespalten hat und immer wieder mysteriöse Gerüchte entstehen läßt.

„Das hat mit Dämonen zu tun, und darüber kann ich keine Auskunft geben“, hat im Verfahren die als Zeugin geladene Cornelia dem Direktor des Amtsgerichts erklärt. Der wiederum hatte sich schon vorher zu dem Hinweis veranlaßt gesehen: „Dieses Gericht hat nur über weltliche Dinge zu entscheiden.“

Von welch handgreiflicher Weltlichkeit die Delikte sind, über die verhandelt werden mußte, zeigte die Anklageschrift. Körperverletzung in 14 Fällen, Freiheitsberaubung, Nötigung. Zur Last gelegt werden sie einem Mann, den seine Anhänger als „heiligen Josef“ verehren, der sich selbst etwas schlichter als „Angestellten der Mutter Gottes“ bezeichnet: Josef Zanker, 49 Jahre alt, erlernter Beruf Maurer und laut Anklageschrift zur Zeit als Sektenführer tätig. Im nahen Mindelheim hat die von ihm gegründete und offenbar mit harter Hand geführte Gruppe der sogenannten Marienkinder in einer ehemaligen Mühle ihr Domizil aufgeschlagen.

Etwa 40 Menschen leben und arbeiten ständig in dem Anwesen. Doch die Anhänger Zankers sind über ganz Süddeutschland verteilt. Wenn samstags die Sühnenächte stattfinden, drängen sich Hunderte in dem Haus.

Es geht um Dämonen, um Teufel. Ihnen den Befehl zu erteilen, in Menschen ein- oder aus ihnen auszufahren, das soll die große Gabe des „heiligen Josef“ sein. Er selbst betont, nur das Gebet an die Mutter Gottes könne den Dämon wirklich besiegen. Bei leichteren Fällen legt Zanker allerdings selbst Hand an. So auch beim verhinderten Engel Cornelia, die vor Gericht berichtete, ihr Dämon habe sie am Singen gehindert und deshalb habe sie Zanker um Hilfe gebeten. Daß diese in der vom Staatsanwalt geschilderten Form geschah, hatte sie bei einer ersten Aussage bestätigt.