Werden die chinesischen Studenten wieder einmal zu Vorkämpfern des Wandels?

Von Matthias Naß

Zwei Wochen dauerte es, dann hatte der Protest aus der Provinz die Hauptstadt erreicht. Rund tausend Studenten der angesehenen Qinghua-Universität gingen am vergangenen Dienstag in Peking auf die Straße, um ihre Solidarität mit den demonstrierenden Kommilitonen überall im Land zu bekunden. Die Polizei ließ die Marschierer gewähren, doch die Partei gab Alarm. Die amtliche Volkszeitung warnte in einem Leitartikel, der auch in den Radio- und Fernsehnachrichten verlesen wurde, daß diejenigen, die unter dem Vorwand der "großen Demokratie" die Menschen aufstacheln wollten, sich von der Parteiführung loszusagen und vom sozialistischen Kurs abzuweichen, "ihre eigenen bitteren Früchte essen müssen". Erst spät, so scheint es, hat die chinesische Führung die ganze Brisanz des Protestes erkannt, dessen Funke im Dezember unaufhaltsam von Universität zu Universität übersprang. Während die Behörden in Shanghai und Peking den Demonstranten noch eilig Auflagen erteilten, sammelten sich bereits in Nanking und Tianjin Tausende hinter Transparenten mit der Forderung nach Freiheit und Demokratie.

Begonnen hatte die Welle der Demonstrationen am 9. Dezember in der Provinzhauptstadt Hefei. 3000 Studenten zogen unter dem Slogan "Ohne Demokratie keine Modernisierung" vor das Regierungsgebäude, um dagegen zu protestieren, daß die Hochschüler keine eigenen Kandidaten für das Provinzparlament nominieren dürfen. Der Termin war mit Bedacht gewählt. Am 9. Dezember 1935 riefen Chinas Studenten die Kuomintang-Regierung und die Kommunistische Partei zum gemeinsamen Abwehrkampf gegen die japanischen Invasoren auf. 1985, zum 50. Jahrestag der patriotischen "9. Dezember-Bewegung", planten die Studenten in Peking Kundgebungen gegen die als "zweite Invasion" empfundene Überflutung des chinesischen Marktes mit japanischen Waren. Der Unmut über den japanischen "Wirtschaftsimperialismus" mischte sich mit der Kritik an negativen Begleiterscheinungen der Wirtschaftsreformen Deng Xiaopings: Inflation, Korruption und Nepotismus. Bevor sich der Protest ausweiten konnte, hatte die Partei damals führende Funktionäre in die Hochschulen geschickt, um sich der Diskussion mit den Studenten zu stellen.

Diesmal reicht die Kritik der Studenten weiter, sind ihre Forderungen radikaler. In mindestens 14 Städten haben sie bisher auf Transparenten und Wandzeitungen Demokratie, Pressefreiheit und die Verwirklichung der Menschenrechte verlangt. Zentrum der Demonstrationen war das unruhige Shanghai. Die Menschen in der übervölkerten Zwölf-Millionen-Metropole am Jangtse haben auf gesellschaftliche Veränderungen stets besonders empfindlich reagiert, von hier gingen schon immer politische Witterungsumschwünge aus. In Shanghai wurde 1921 die Kommunistische Partei Chinas gegründet. Shanghai war die ideologische Hochburg der kulturrevolutionären Linken. Keine andere Stadt Chinas hat sich aber auch nach dem Tod Mao Tse-tungs und dem Sturz der "Viererbande" westlicher Kultur und westlichen Moden so begeistert geöffnet wie Shanghai. Vier Tage lang sammelten sich jetzt auf dem Platz des Volkes die Studenten, zogen Demonstranten durch die elegante Nanking-Straße zum Rathaus. 50 000 waren es am vorletzten Wochenende. "öffnet eure Augen", rief der Studentenführer Dai Junyi der Menge zu. "Wir werden unterdrückt. Doch das chinesische Volk wird sich nicht versklaven lassen."

Der wagemutige Massenprotest der Studenten spiegelt das neue Selbstbewußtsein der chinesischen Intellektuellen wider. In der Kulturrevolution als "stinkende neunte Kategorie" verhöhnt und verfolgt, werden sie heute von der Partei gehegt und gehätschelt. Die Reformer um Deng Xiaoping wissen, daß ihr großes Experiment der Modernisierung Chinas ohne qualifizierte Wissenschaftler und Ingenieure nicht gelingen kann. Freie Forschung und offene Diskussion sind für sie die Voraussetzungen wirtschaftlichen Fortschritts. An westlicher Fachliteratur herrscht in den Bibliotheken kein Mangel mehr; chinesische Gelehrte reisen in großer Zahl zu internationalen Konferenzen und Kongressen. Zu Recht spricht der amerikanische Sinologe A. Doak Barnett von einer "Informationsexplosion". 30 000 Dozenten und Studenten forschen und lernen an westlichen Universitäten. Kein anderes kommunistisches Land ist je ein solches intellektuelles Wagnis eingegangen.

Westliche Vorstellungen