Die wirklichen Probleme werden von der Politik vergessen, verdrängt, verleugnet / Von Gunter Hofmann

Bonn, im Dezember

Vergessen – dieses Wort paßt am besten zum verflossenen Jahr 1986. Vergessen, verdrängen, verleugnen, jedenfalls nicht: erinnern. Es war ja auch ein Jahr voller Ereignisse, Katastrophen, auch Menetekel.

Recht undramatisch, eher langweilig und auch politikentleert, versprach ursprünglich das Jahr 1986 zu werden. Gerade so aufregend wie die Frage, ob Helmut Kohl als Kanzler überlebt oder ob seine „Pannen“ ihn doch noch einholen. Johannes Rau, der Kandidat der SPD, schien etwas von diesem Wunsch, von Politik entlastet zu werden und die Verhältnisse allenfalls nur ein bißchen zu korrigieren, in der Nase zu haben.

Nur: Schon im Januar explodierte die Raumfähre Challenger, vom Fernsehen live in die Wohnzimmer übertragen. Ein großes Drama, aber noch weit weg. Ende April barst der Reaktor von Tschernobyl. Das unsichtbar Bedrohliche, das sich da näherte, alarmierte schon als winzige, undeutliche Nachricht aus Finnland, wo „erhöhte radioaktive Strahlungen“ gemessen wurden. Von Stunde zu Stunde, von Rundfunkmeldung zu Rundfunkmeldung, wurde es spürbarer: Eine Katastrophe hatte sich ereignet wie wenige zuvor; eine, die vieles verändern mochte. Am nächsten Morgen setzte in Bonn die Beschwichtigungsrhetorik ein. Sie dröhnt heute nicht mehr im Ohr, aber das Mißtrauen ist geblieben.

Mitten hinein oder parallel • dazu Wahlen: in Niedersachsen, Bayern und Hamburg, für sich betrachtet eher Randereignisse, aber angesichts der Verhältnisse gewannen sie über die Maßen Gewicht. Jedes einzelne Resultat hat dann als neue Vorentscheidung über die Bundestagswahl im Januar gegolten.

Im Oktober dann ein Hoffnungsschimmer, ausgehend vom Gipfel in Reykjavik. Für einen Augenblick schienen die kühnsten Träume selbst der Friedensbewegung, gewöhnlich als blauäugig und irrational gescholten, Wirklichkeit werden zu können. Dann der Fehlschlag, ein „schwarzer Tag in der Geschichte der Menschheit“, wie nicht nur Horst Ehmke das empfunden hat. Endlich wieder die Beruhigungspillen und Verschönerungsrhetorik aus Bonn. Inzwischen ist von einer neuen „Nachrüstung“ die Rede, nicht mehr von Abrüstung.