Sonthofen

Der Sonthofener Amtsrichter Thomas Walther hat sich den Zorn des bayerischen Stammesfürsten Franz Josef Strauß zugezogen; war ihm doch bis dato nicht beizubringen, daß radioaktiv belasteter Klärschlamm ungefährlich ist, weil in der Klärschlammverordnung das Wort „Radioaktivität“ nicht vorkommt. Statt einzusehen, daß die Strahlenschutzverordnung hier nicht anwendbar ist, weil die ihrerseits mit Cäsium verseuchten Klärschlamm nicht vorsieht, ging der Jurist auf die Barrikaden. Seit dem Sommer hält er Scharen von Staatsanwälten und Bürokraten in Atem – mit Expertisen von Strahlenkundlern, juristischen Gutachten, offenen Briefen und Strafanzeigen.

Walther hat eine Klage angestrengt wegen des Verkaufs von cäsiumhaltigem Schlamm als Düngemittel, zum Mißvergnügen des Landesvaters, der es lieber sähe, wenn die Justiz dort zupackte, wo er es für richtig und wichtig hält – zum Beispiel bei der Bekämpfung von Terroristen, die Strommasten umlegen und Eisenbahnstrecken blockieren. Franz Josef Strauß tat seine Verärgerung kund, als jüngst im Zusammenhang mit Etatberatungen Kosten und Leistung der Justiz einerseits und der Polizei andererseits zur Sprache kamen.

Amtsrichter Walther zeigt sich unbeeindruckt vom Zorn des Regierungschefs und ficht weiter für die Sache, die er für Recht erkannt hat. Ihm, der sich bis dahin mit Rücksicht auf sein Amt der politischen Diskussion in der Öffentlichkeit enthalten hatte, war übel aufgestoßen, was sich nach der Katastrophe von Tschernobyl in bayerischen Landen tat. Da hatte das Landesamt für Umweltschutz im Schlamm der Kläranlage Buchloe eine Belastung von 75 000 Becquerel Cäsium 137, 38 000 Becquerel Cäsium 134 und 66 000 Becquerel Ruthenium 103 pro Kilogramm festgestellt, doch als Walther monierte, das Zeug dürfe keinesfalls wie üblich als Düngemittel an die Landwirte abgegeben werden, handelte er sich einen Rüffel ein. Kontaminiert oder nicht, beschied ihn das Landesamt für Umweltschutz – Klärschlamm falle unter die Klärschlammverordnung, Klärschlämme seien keine radioaktiven Abfälle im Sinne des Atomgesetzes, und Klärschlämme könnten, Cäsium hin, Cäsium her, nicht als Sondermüll behandelt werden, weil sie „nicht das Produkt einer zielgerichteten technischen Anwendung der Kernenergie sind“. Basta.

Daß das Landesamt den Amtsschimmel in dieser Weise wiehern ließ, war vermutlich auch die Folge des blanken Entsetzens, das sich beim Nachdenken darüber einstellen mußte, welche Konsequenz die Einordnung des Schlamms als radioaktiver Sondermüll haben würde: Die Betreiber der Kläranlagen hätten eine „Ablieferungspflicht“, mit der logischerweise eine „Annahmepflicht“ der Landessammelstelle für Problemmüll in Neuherberg korrespondieren würde.

Statt sich mit dem Hinweis zufriedenzugeben, die vorübergehend tatsächlich hohe radioaktive Belastung des Klärschlamms baue sich erstens schnell ab und werde zweitens durch nachfließende Abwässer verdünnt, sprach Walther davon, hier werde „zielgerichtet Unfug in die Welt gesetzt“. Von Bonn bis München verteilte er eine 80seitige Dokumentation, deren Quintessenz war: „Der Klärschlamm in den Kläranlagen ist und bleibt radioaktiver Abfall, der allein nach den Grundsätzen der Strahlenschutzverordnung zu behandeln ist.“ Es war logisch, daß er gleichzeitig Strafanzeige wegen „umweltgefährdender Abfallbeseitigung“ stellte, worauf sich die Staatsanwaltschaft Kempten auf bisher unerforschtes „juristisches Niemandsland“ zwischen Strafgesetz, Strahlenschutzverordnung und Klärschlammverordnung begab. Die Ermittlungen laufen.

Sie laufen auch auf anderen Gebieten, in die sich der Allgäuer „Bürger und Jurist“ inzwischen eingearbeitet hat. Thomas Walther, Vater dreier Kinder, faßte auch das nächste Glied in der Nahrungskette ins Auge und stieß darauf, daß nicht nur Schlämme, mit denen Wiesen gedüngt werden, Schaden anrichten können. Auch verstrahltes Heu finde auf dem Umweg über Kuh und Milch zum Menschen zurück. Den bayerischen Bauern, so erkannte er bald, bleibe gar nichts anderes übrig, als im Winter auf den ersten Schnitt aus den Tagen nach Tschernobyl zurückzugreifen. Anders könnten sie ihre zwei Millionen Rindviecher gar nicht satt kriegen, wenn die erst von der Sommerwiese in die Ställe zurückgetrieben seien.