Berlin

An der Bezirksgrenze zwischen Neukölln und Tempelhof treffen in Berlin auf einer Fläche von wenigen Quadratkilometern drei Welten aufeinander. Eingerahmt vom amerikanischen Militärflughafen und einem städtischen Schwimmbad, erstreckt sich den Columbiadamm entlang türkisches Hoheitsgebiet: Sehitlik, der muslimische Friedhof.

Am 29. Dezember des soeben zu Ende gegangenen Jahres wurde der Friedhof, einzigartiges Zeugnis einer vergangenen Epoche, 120 Jahre alt. Es war König Wilhelm I. von Preußen, der das Stück märkischen Bodens 1866 auf den neuen Eigentümer, das Osmanische Reich, ins Grundbuch eintragen ließ und damit eine traditionelle Freundschaft zwischen den Herrschern am Bosporus und dem mächtigen deutschen Kleinstaat besiegelte.

Im Jahre 1701 waren mit dem Diplomaten Meklubsi Asmi Said Effendi und seinem Gefolge die ersten Türken in Berlin eingetroffen, deren Anwesenheit urkundlich belegt ist. Hatte in der abendländischen Kultur bis dahin der Vers gegolten: „Vor Türken, Pestilenz und Noth, bewahre uns der Herre Gott!“, so brach nach Ankunft der nahöstlichen Delegation eine ungeahnte Türkenhysterie aus, daß selbst der preußische Monarch spöttelte: „Datteln essen gehört jetzt zum guten Ton in Berlin, und die Gecken pflanzen sich einen Turban aufs Haupt.“

In der Folgezeit kam es zu zaghaften politischen Kontakten zwischen Friedrich Wilhelm I. – der im Zuge seiner Militärreform sogar türkisch-islamische Soldaten in sein Heer integrierte – und dem türkischen Sultan. Die Beziehungen überschritten jedoch kaum halboffizielles Niveau; es blieb bei der Entsendung eines preußischen Stallmeisters zum Pferdekauf nach Konstantinopel.

Dem Sohn des „Soldatenkönigs“, Friedrich II., wir es vorbehalten, die diplomatischen Bande zur Hohen Pforte des Osmanischen Reiches neu zu knüpfen – hauptsächlich aus militärstrategischen Überlegungen, denn die beiden Staaten besaßen in Rußland und Habsburg gemeinsame Feinde.

Auf Völkerverständigung bedachte Türken und Deutsche erinnern heute mit Vorliebe an die Worte des „Alten Fritz“, den Türken Gotteshäuser zu bauen, falls sie in sein Land einwanderten. Sie kamen, rund 200 Jahre später, aber willkommen hießen sie die wenigsten. Die Neuankömmlinge aus Anatolien mußten in Berlin um adäquate Andachtsstätten kämpfen, nachdem sie ihre Gottesdienste anfangs in alten, leerstehenden Fabrikgebäuden abgehalten hatten.