Der Deutsche Rudolf Meidner hat den Sozialstaat entscheidend geprägt

Von Wolfgang Zank

Einen Posten mit starker Entscheidungsgewalt hatte er nie inne, und keine seiner Schriften wurde ein Bestseller. Dennoch haben nur wenige Menschen den Alltag der Schweden so geprägt wie Rudolf Bestseller. Der 72 Jahre alte deutsche Emigrant – er floh 1933 vor dem SA-Terror aus Breslau nach Stockholm und blieb auch 1945 in Schweden, weil ihn damals "keiner gebeten hat, in Deutschland mitzumachen" – ist einer der Väter des schwedischen Sozialstaat-Modells. Einundzwanzig Jahre lang war er Chefökonom beim schwedischen Gewerkschaftsdachverband LO. Mittlerweile ist er pensioniert. Aber vor allem im Arbetslivcentrum, einer Forschungsinstitution zu Fragen der Arbeitswelt, wirkt er noch immer als Ideenlieferant, als "eine Art Orakel" der Sozialpolitik. Ausländische Gewerkschaftsdelegationen, Studiengruppen oder Journalisten landen immer wieder bei ihm.

Die Arbeitslosigkeit war eines der Themen, mit denen er sich fast sein ganzes Leben lang beschäftigt hat. Das ergab sich zum einen aus seiner Tätigkeit als Gewerkschaftsökonom, hat aber auch mit eigenen Erfahrungen zu tun, denn während des Krieges war er selbst ein halbes Jahr arbeitslos. "Ich glaube, jeder Ökonom sollte es einmal am eigenen Leib erfahren haben, wie einen die wochenlange zwangsweise Unproduktivität zermürbt", resümiert er heute, "man ist danach nicht mehr geneigt, die Arbeitslosigkeit zu bagatellisieren."

Heute ist in Schweden das arbeitsmarktpolitische Instrumentarium ausgebaut wie in keinem anderen Land – Meidner hat das maßgeblich beeinflußt. Soll beispielsweise ein Betrieb geschlossen werden, dann sind die Betroffenen und das örtliche Arbeitsamt lange vorher zu informieren. Da die Unternehmer grundsätzlich auch alle offenen Stellen melden müssen, haben die Arbeitsämter einen guten Überblick. Die entlassungsbedrohten Arbeiter können ihrerseits während der Arbeitszeit und ohne Lohnverlust auf Jobsuche gehen. Die Reisekosten für Vorstellungen zahlt das Arbeitsamt. Kommt ein Arbeitsvertrag zustande, so werden die Umzugskosten erstattet, und außerdem gibt es noch rund fünftausend Mark pro Familie (steuerfrei) für die Arbeit und den Streß, die der Umzug mit sich bringt.

Oft scheitert eine Vermittlung jedoch an der fehlenden oder falschen Ausbildung der Arbeitslosen. Deshalb wird eine breite Palette von Schulungskursen angeboten. Derartige Kurse vermitteln nicht nur berufliche Kenntnisse im engeren Sinne, sondern auch Allgemeinwissen. Defizite im "Schulwissen" sind vor allem bei älteren arbeitslosen Frauen eine allein kaum zu überwindende Barriere. Pro Jahr werden auf diese Weise rund zwei Prozent des gesamten Arbeitskräftepotentials umgeschult oder weitergebildet.

Geld für neue Jobs