Von Bernhard Blohm

So recht nach dem Geschmack der Börsianer fiel der Start ins Börsenjahr 1986 vor nun zwölf Monaten aus. Die Kurse kletterten von Tag zu Tag nach oben, und mancher Anleger rechnete sich bei der morgendlichen Lektüre der Kurstabellen in den Tageszeitungen genüßlich aus, um wieviel reicher er wieder durch den vergangenen Börsentag geworden war. Bis Mitte Januar erreichten die verschiedenen Aktienindices beinahe täglich einen neuen Kursrekord. All time high jubelte die Tagespresse – noch nie war das Kursniveau am deutschen Aktienmarkt so hoch wie in jenen Tagen.

Doch dann kam der erste Dämpfer, bis Ende Februar fielen die Kurse um insgesamt gut zehn Prozent. Schimpf und Schande kam damals über die Commerzbank, die Mitte Februar ihre Aktionäre mit einer Kapitalerhöhung zum Kurs von 300 Mark pro Aktie zur Kasse bat. „Mit diesem Kurs“, erboste sich ein Händler an der Hamburger Börse, „macht die Bank die ganze Stimmung kaputt.“ Viele Anleger hielten 300 Mark pro neue Commerzbank-Aktie für weit überzogen, zumal die Papiere der Großbank erst in den vergangenen zwei Monaten in diese Kurshöhen geklettert waren.

Lange hielt das Stimmungstief an der Börse allerdings nicht an. Mit Beginn des März legten die Kurse wieder eine flotte Gangart ein, und die Börsianer glaubten erneut an eine Fortsetzung der dynamischen Börsenentwicklung des vergangenen Jahres, in dem die Aktienkurse im Schnitt um mehr als siebzig Prozent zugelegt hatten.

Genau am 17. April meldeten die Börsen wieder ein all time high für die Aktienkurse, und diesmal war es tatsächlich – zumindest für 1986 – das höchste Kursniveau. Der Commerzbank-Index beispielsweise stand an diesem Tag bei 2278,8 Punkten, ein Wert, den der Index im weiteren Verlauf des Jahres 1986 nie wieder erreichte (siehe Graphik). Bis zum 22. Juli fielen die Kurse um rund ein Viertel. Mancher Anleger holte sich eine blutige Nase, besonders, wenn er im Frühling mit Optionsgeschäften auf einen weiteren Anstieg der Kurse gesetzt hatte. In diesem spekulativen Geschäft war der Einbruch nämlich noch viel ausgeprägter als bei Aktien. Der Chor der Klagenden über das ausgeprägte Sommerloch wuchs an der deutschen Börse jedenfalls zu stattlicher Größe. In den nächsten Monaten wurde es nicht besser. Im steten Wechsel zwischen Hoffen und Bangen stiegen die Kurse einige Wochen, um danach wieder zu fallen. Der deutsche Markt blieb bis zum Jahresende eine „Schaukelbörse“, wie die Analysten das Auf und Ab der Kurse anschaulich bezeichnen.

Auch wenn 1986 wohl niemand mit einer ähnlich dynamischen Entwicklung der Börsenkurse wie im Vorjahr rechnete, daß die Kurse im vergangenen Jahr – je nach Index – binnen Jahresfrist im Schnitt nur um fünf bis sieben Prozent zulegten, ist für viele doch eine Enttäuschung. Ein wenig mehr hätte es nach Meinung der Börsianer schon sein dürfen.

Für die verhaltene Kursentwicklung an der deutschen Börse im vergangenen Jahr gibt es allerdings eine ganze Reihe von Gründen. Eine sicherlich kaum vorhersehbare Entwicklung nahm 1986 der Kurs des amerikanischen Dollars. Bis zum Jahresende 1985 fiel die Währung der Wirtschaftsnation Nummer eins von knapp 3,50 Mark auf etwa 2,45 Mark. Damit, so glaubten viele, habe der Dollar den Tiefpunkt zumindest im Visier. Aber weit gefehlt. Im vergangenen Jahr fiel der Dollar weiter um noch einmal gut zwanzig Prozent, und im August testete er erstmals nach vielen Jahren wieder die Marke von zwei Mark für einen Dollar. Da steht er seitdem unter Schwankungen von vielleicht fünf Pfennig nach oben und nach unten.