"Flucht in den Norden" von Ingemo Engström

Eine Literaturverfilmung, distanziert und streng: Klaus Manns Roman als filmische Lektüre einer vergangenen Gegenwart. Nicht das Drama steht im Mittelpunkt, das theatralische Ereignis, sondern der forschende Blick des Kinematographen, die sichtbare Rede der Körper, der Bewegung. Statt die Geschichte spannungs- und actionreich zu illustrieren, modelliert Ingemo Engström eher Tableaus, die nachhaltige Stimmungen formulieren: die Atmosphäre einer zerrissenen Zeit.

Das Buch von 1934 reflektierte sehr radikal den Beginn der Naziherrschaft (und sah deren Folgen sehr genau voraus). Engströms Film betont demgegenüber die persönlichen Probleme dieser problematischen Zeit als allgemeinen Konflikt – als ewigen Streit zwischen dem privaten Glück einer leidenschaftlichen Liebe und der gesellschaftlichen Verantwortung eines politischen (hier: antifaschistischen) Engagements.

Die Geschichte funktioniert dabei wie ein Leitfaden, der zu entdecken hilft, was sonst vergessen bliebe. Eine junge Frau flieht aus Deutschland, 1933. Die Nazis haben die Macht übernommen, und jeder, der klar sehen will, sieht, was auf ihn zukommt. Ihre Freunde leben bereits im Pariser Exil. Sie selbst besucht zunächst eine Freundin in Finnland. "Doch wenn sie mich rufen, reise ich sofort ab", stellt sie sofort klar. Dann begegnet sie jedoch dem Bruder ihrer Freundin. Und plötzlich brennt sie vor Liebe. Und flieht mit dem Mann, immer weiter, bis an die Grenzen ihrer Gefühle, bis an die Grenzen des Kontinents.

Einmal sagt die Frau: "Wir sind alle unnütz, solange wir nicht wissen, was wir wollen und wohin wir gehören." Daß dies nicht allein das Politische meint, sondern das Leben insgesamt, unterstreicht Ingemo Engström, indem sie vor das abstrakte Ideal stets das Konkrete setzt: die Schönheit des Einfachen. Norbert Grob

Sehenswerte Filme

"Hannah und ihre Schwestern" von Woody Allen. "Paradies" von Doris Dörrie. "Zimmer mit Aussicht" von James Ivory. "Down by Law" von Jim Jarmusch. "Mona Lisa" von Neil Jordan. "Heidenlöcher" von Wolfram Paulus. "Staatsanwälte küßt man nicht" von Ivan Reitman. "Um Mitternacht" von Betrand Tavernier.