Im Oktober 1911 wurde im oberbayerischen Murnau die Programmschrift „Der Blaue Reiter“ geboren, eins der großen künstlerischen Manifeste des Jahrhunderts. Der aus Bonn hinzugekommene August Macke steuerte seinen Essay „Die Masken“ bei, aber er steht doch etwas neben den beiden Hauptakteuren und Redakteuren Wassily Kandinsky und Franz Marc. Deutlich jedenfalls steht er Franz sich selbst, wo immer er in dieser Zeit versucht, wie ein „Blauer Reiter“ zu Zeit len. In der einzigen im Almanach von ihm reproduzierten Arbeit ist er kaum zu erkennen (dafür erstaunlicherweise um so mehr von dem späteren Franz Marc).

Die „mächtigen Ausdrucksmittel“ und die hohen Worte vom „Beginn des Großen Geistigen“ waren ihm fremd. Wie er an den Freund Marc schrieb: „Kandinsky mag das persönlich sagen und vieles andere von Umwälzung. Mir ist das ... unsympathisch.“ Wo Kandinsky in dramatischen Malstücken mit den Themen „Sintflut“ oder „Jüngstes Gericht“ sämtliche Bildkonventionen zu sprengen versucht, hält Macke an der harmonischen Gesamtgestalt fest; nie war ihm die von Marc und Kandinsky diskreditierte „äußere Hülle“ der Dinge suspekt.

Zum hundertsten Geburtstag von August Macke ist im Westfälischen Landesmuseum in Münster eine Retrospektive zusammengestellt, die, was die Ausführlichkeit angeht, nichts zu wünschen übrig läßt. Eher im Gegenteil. Denn es sind sogar vier Ausstellungen – Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und eine Dokumentation –, die zu durchlaufen sind.

Ein beträchtlich langer Weg. Aber das spricht nicht nur gegen die Anlage der Ausstellung, sondern gewiß auch für die Leistung des Künstlers, dessen Werk bis 1914 innerhalb von nur etwa zehn Jahren entstand. Nicht einmal sieben Jahre sind es sogar von der Parisreise an gerechnet, die durch die Begegnung mit dem Impressionismus zu einem Schlüsselerlebnis wurde, das nie verblaßte. Macke ist ein Maler der Augensinnlichkeit, er malt, was er sieht. Und er sieht die Welt rundherum sommerfrisch und familiär.

Daß er bei all dem geschilderten Glück nicht flach wird, davor schützt ihn sein klarer Bildverstand. Ob er Elisabeth, seine Frau, malt, bei der Handarbeit, mit der Lektüre in der Hand oder als „Mutter mit Kind“, ob ein Mädchen mit Puppe oder den Tegernseer Bauernjungen: Es wird immer eine zweidimensionale Plastik aus Farbe daraus, eine Figur von gesammelter Kraft, wie die Gefäße in den gleichzeitigen Stilleben.

Seit dem Herbst 1912, als er Robert Delaunay in Paris besucht und dessen „Fensterbilder“ sieht, hat er einen neuen, festen Bezugspunkt. Unter das Kapitel „Blauer Reiter“ zieht er einen endgültigen Schlußstrich: „Mein malerischer Zustand ist der, daß Kandinsky für mich sanft entschlafen ist...“

Für einen Moment erscheinen die „Spaziergänger“, die er jetzt zu seinem Grundthema macht, ein wenig verloren in dem neuen, farbig-kubistischen Raum, weil auch der Maler darin noch nicht ganz zu Haus ist. Doch schon bald fügen sie sich den mit einer größeren Lockerheit vorgetragenen Farbrhythmen wunderbar ein. Es sind jetzt Figuren, die kein Gesicht und keinen Namen mehr haben, dabei durchaus einer Zeit, auch einer Jahreszeit angehören. Die Herren tragen eine Melone, die Damen modische Hüte, einen Sonnenschirm für alle Fälle. Flaneure an einem ewigen Sonntag, auf der Promenade im Park, in einem irdischen Paradies.