Von Wend Kässens

Am Beginn steht die Absage an die Absage einer Absage. Als Alain Robbe-Grillet, wie er selbst ausführt, 1976 mit der Niederschrift seiner Autobiographie „Der wiederkehrende Spiegel“ begann – mit dem den nouveau roman konterkarierenden Satz „Ich habe nie über etwas anderes gesprochen als über mich“ –, wollte er bewußt angehen gegen die von ihm selbst begründeten Theoreme eines neuen Romans, an dem auch Nathalie Sarraute, der Nobelpreisträger Claude Simon und Michel Butor arbeiteten, jenseits des allwissenden Erzählers und des geschlossenen Bedeutungszusammenhangs.

Ende des Jahres 1983 sitzt der 1922 geborene Autor in Edmonton/USA und denkt erneut über die schon begonnene Biographie nach. Sieben Jahre sind inzwischen vergangen, in denen sich der herrschende Diskurs verändert hat. Das Rückerinnern ist Mode geworden, die Restauration hat einen hemmungslosen „Biographismus“ ausgelöst. Was bleibt dem literarischen Avantgardisten der fünfziger und sechziger Jahre, der gerade einen Anlauf genommen hat, den als reaktionär empfundenen Begriff des Autors dennoch für sich in Anspruch zu nehmen und sich dem „fröhlichen Zustand des verantwortungslosen Erzählers“ zu überlassen?

Das sei vorweggenommen: Der wiederkehrende Spiegel der Erinnerung, in den der Leser an der Seite Robbe-Grillets einen gut zweihundert Seiten langen Blick werfen darf, ist weder zerschlagen noch blind. Im Gegenteil. Es ist ein Facettenspiegel, in dem sich Details der Biographie, theoretische Überlegungen, Fiktionen und provozierte Gedanken des Lesers vielfach brechen, und auch die Vorspiegelung falscher Tatsachen keinesfalls ausgeschlossen ist.

Robbe-Grillet, der sich zur Erläuterung des nouveau roman – „diese komplizierten Systeme aus Reihen, Verzweigungen, Auslassungen und Reprisen, Aporien, plötzlichen Wendungen, verschieden zu Kombinierendem, Auswüchsen oder Verkürzungen“ – nicht selten der Begriffe strukturaler Erzähltheorien bedient und als guter Bekannter des 1980 verstorbenen Semiologen Roland Barthes natürlich teilhatte an den wesentlichen geistes- und sozialwissenschaftlichen Diskussionen der vergangenen dreißig Jahre in Frankreich, führt den Leser nachhaltig aufs Glatteis.

Robbe-Grillets Spiegel funktioniert zunächst ganz konventionell wie eine Wunschmaschine, die absondert und bedeutet, was der Augenblick hineinlegt. „Ist die erotischste Stelle eines Körpers nicht da, wo die Kleidung auseinanderklafft?“ heißt es bei Roland Barthes. Robbe-Grillet versteht es meisterhaft, ein Loch mit einem anderen zu stopfen und damit immer neue erotische Stellen zu offenbaren, ohne wirklich etwas sehen zu lassen.