Von Gerhard Spörl

Gleich hinter dem Katschberg-Tunnel geht es rechts ab, und die gute Laune im Auto sinkt schlagartig. Das Tal wird ganz eng und dunkel. Die kleinen Dörfer stehen kläglich herum. Die Berge starren schroff und verächtlich herunter. Wenig Sonne lugt im Winter in die gequetschte, derbe Kärntner Welt, die sich trotz Sägewerken, Wald- und Bergbächen, trotz Kruzifixen und alter, steinerner Häuser so gar nicht zum Idyll rundet. Riesengroß und klobig ragen die Stützpfeiler der Autobahn mitten aus den Dörfern hoch hinauf. Im Umkurven reift der feste Entschluß: Sieht Innerkrems auch so aus, Abreise morgen.

Vor jeder neuen Ansiedlung Herzklopfen: Das ist es doch wohl noch nicht ... Anflüge von Hoffnung. Die Welt weitet sich allmählich wieder. Endlich schleichen wir um die letzte Ecke und sind nun wirklich in Innerkrems: ein locker gebauter, naturbelassener Ort – hier ein Hotel, in dem nur Hausgäste in den Swimmingpool dürfen, dort das übliche Appartementhaus –, keine Läden. Alles nah und überschaubar, der Lift mitten im Ort hinauf auf 2200 Meter. Die Sonne findet tatsächlich genug Platz, auf das alles zu scheinen, und Schnee liegt auch reichlich.

Dieser kleine, abgelegene Kärntner Ort ist so etwas wie ein Treffpunkt familienbetonter Norddeutscher, die es gewohnt sind, mit Kindern und Hunden in den Skiurlaub aufzubrechen. Sie lieben das Gleichmaß und die Gewöhnung, hier finden sie beides. Innerkrems hat sich langsam entwickelt. Die Touristen verfolgen, die Schicksale der Bewohner und nehmen Anteil, wenn die einstmals reichen Bauersleute jetzt die Kneipe oben auf dem Berg bewirtschaften müssen.

Der Ort differenziert sich gemächlich. Der Mann unten am Schlepplift ist ein echter Gaudibursch, der die Handschuhe, die ein kleiner Junge unten am Bergbach vergessen hat, aufhebt und bewahrt. Man kennt die perfide Geschichte, wie die Lifteigner das Dorf-Establishment zu erpressen versuchten und wie sich die Innerkremser dagegen wehrten. Eine Abschreibungsfirma hat ein Appartementhaus hochgezogen, in dem der Putz sachte rieselt und die Fassade welkt. Wer die Entstehung miterlebt hat, wohnt Jahr für Jahr darin, ohne sich so maßlos aufzuregen wie die Uneingeweihten. Jeden Morgen um halb acht fährt der Bäcker mit seinem Kombi vor; die Hunde, die Kinder, die Erwachsenen treffen sich bei ihm in langer Reihe zur ersten Lagebesprechung über Wohlbefinden, Wetter, Weltgeschichte. Die nette, hübsche Nachbarin schlägt dem Neulingsvater unversehens vor, dessen beide Söhne am Nachmittag bei einer heißen Schokolade im „Berghof“ zu hüten, damit er allein die Hänge herunterwirbeln kann. Eine kleine Welt, nette Menschen. Fern ist bald jeder Gedanke an Abreise.

Innerkrems ist ein fast ideal abseitiger Winterort für Skifahrer, die sich am liebsten ans Vertraute halten. Für sie besteht die notwendige Abwechslung im Orts- und Klimawechsel, mehr muß nicht sein. Deshalb haben sie auch keine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber Zeitgenossen, die in die Kunst- und Nobelorte in schöneren Breiten und Regionen fahren. Die meisten von ihnen kommen Jahr für Jahr hierher, unbeirrt und aufs neue zufrieden. Das ist eine kindergerechte Organisation des Daseins und auch ein Beweis dafür, daß Skifahren ein Stück wohltuender Regression sein kann, sonst würden sich die kleinen und die großen Skifahrer nicht um so vieles leichter als in anderen Lebenslagen nahekommen.

Am Vertrauten soll sich allerdings auch möglichst wenig ändern. Darüber wachen die Alt-Touristen eifersüchtig, und darin sind sie einheimischer als die Einheimischen. Innerkrems gehört zu jenem Teil Kärntens, der erst spät und um so schwerer Anschluß an die Moderne gefunden hat. Jahrhundertelang ist in dieser Gegend Eisenerz abgebaut worden. Die Hochöfen standen in Eisentratten und Kremsbrücke, den finsteren, größeren Talgemeinden; dorthin wanderten die Knappen und Gehilfen aus den schöneren, höher gelegenen Nockbergen. Damit ist es längst vorbei. Vor zwanzig Jahren fingen die Österreicher an, auch hier die rundlichen Berghäupter und die weitausladenden Höhenzüge für den Skitourismus zu erschließen. Seit die Tauernautobahn vorbeiführt, sind die Aussichten besser als zuvor. Kein Wunder, daß die Einheimischen sich mächtig anstrengen.