Von Hans-Ulrich Wehler

Endlich sind nach jahrzehntelanger Pause in den letzten drei Jahren vorzügliche Darstellungen der deutschen Revolution von 1848/49 erschienen: die bisher beste, gedrängte Analyse von Wolfram Siemann (Die deutsche Revolution 1848/49, 1985), die vergleichende Zusammenfassung von Dieter Langewiesche (Europa 1815-1849, 1985), die ausführlichen Revolutionskapitel in Thomas Nipperdeys "Deutscher Geschichte 1800-1866" (1983, 78 S.) und in Heinrich Lutz’ "Zwischen Hamburg und Preußen 1815-1866" (1985, 95 S.); selbst die ostdeutsche "Deutsche Geschichte" (IV: 1789-1871, 1984, 96 S.) enthält ein lesenswertes Kapitel von Gerhard Becker und Walter Schmidt.

Just zu diesem Zeitpunkt erscheint eine neue Monographie über 1848/49 mit der Behauptung, seit Veit Valentins umfangreicher Darstellung von 1930/31 mit ihren nahezu anderthalbtausend Seiten habe das Thema "keine allseits anerkannte Behandlung mehr erfahren". Diesem angeblichen Mangel soll mit der handbuchartigen politikgeschichtlichen Übersicht von

Günter Wollstein: Deutsche Geschichte 1848/49. Gescheiterte Revolution in Mitteleuropa; Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1986; 191 S., 32,– DM

abgeholfen werden. Verdutzt fragt man sich, warum der Verfasser nicht von den intensiven neuen Interessen ausgeht. Und wo hat es je eine "allgemein anerkannte Behandlung" einer Revolution oder eines anderen bedeutenden historischen Problems gegeben?

Ein Vorzug der Geschichtswissenschaft besteht doch in dem Pluralismus ihrer Interpretationen. Eine liberale, konservative, marxistische Interpretation sind zunächst einmal gleichermaßen legitim. Erst bei der genauen Überprüfung der empirischen Grundlagen und der Tragfähigkeit des Urteils erweist sich, welche Teile der internationalen Fachkritik am ehesten standhalten. Einen "allgemeinen" Konsens gibt es freilich so gut wie nie, und ein derart stromlinienförmiges Geschichtsbild ist auch gar nicht wünschenswert.

Das neue Buch von Wollstein, einem Kölner Historiker, bietet eine außergewöhnlich konventionelle Politikgeschichte im Rahmen einer nationalliberal-konservativen Interpretation. Von der heute unumgänglichen gerechten Berücksichtigung der Wirtschaftsgeschichte (Agrar-, Gewerbe-, Industrie-, Bankenkrise 1846-48!), der Sozialgeschichte (Auftauchen moderner Klassen, soziale Zusammensetzung der Revolutionsbewegungen!) der Mentalitätsgeschichte (Krisenstimmung im Besitz- und Bildungsbürgertum, Protesthaltung der Pauperisierten!) und so weiter kann keine Rede sein. Politikgeschichte soll im Vordergrund stehen, und sie tut es auch. Muß sie aber auf so altertümliche Weise betrieben werden? Muß sie so evident einen Rückschritt im Vergleich mit den neuen, auf Synthese zielenden Darstellungen von Siemann, Langewiesche und den anderen Historikern bedeuten?