Von Benjamin Henrichs

Wie lange ist das her? Ein altes Heft von Theater heute, viele schwere, pompöse Texte; mittendrin, fast verborgen, ein paar skizzenhafte Absätze, verfaßt vom Jungredakteur des Blattes: "Kortners ‚Clavigo‘ und Noeltes ‚Kirschgarten‘ bleiben als überragende Schauspielinszenierungen der vergangenen Saison in Erinnerung – und für einen Augenblick möchte es scheinen, als erfülle und begrenze sich überhaupt die ästhetische Kompetenz von Theater in seiner realistischen Tradition – für einen Augenblick, in diesem Zustand von Desorientiertheit und übertriebener Reizbarkeit!"

Wir sind im Jahre 1970, der jugendliche, die alten Meister feiernde Kritiker heißt Botho Strauß.

"Clavigo" und "Der Kirschgarten" – ein Spielplan-Zufall bringt die beiden Stücke (und damit: die beiden Erinnerungen) plötzlich wieder nebeneinander. An Ivan Nagels Stuttgarter Staatsschauspiel hat der sehr junge Regisseur Daniel Karasek Goethes "Clavigo" inszeniert, führt Niels-Peter Rudolph den "Kirschgarten" vor. Beide Aufführungen gehören gewiß zu den interessanten der Saison, "in diesem Zustand von Desorientiertheit und übertriebener Reizbarkeit". Aber sechzehn Jahre wird man nicht brauchen, um beide zu vergessen.

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Fast ist schon Sommer in der russischen Provinz, die Kirschbäume im Garten blühen. Aber beinahe ist auch noch Winter, in den Nächten kommt noch immer der Frost. Fast ist es schon Tag – doch die Leute stehen nicht auf jetzt, sondern sollten schleunigst ins Bett, denn sie sind heimgekehrt von einer langen Reise.

Die Ankömmlinge werden zu Hause sehnsüchtig erwartet – von jenem Mann, der sie drei Akte, fünf Monate später aus dem Hause vertreiben wird. Von Lopachin, dem Kaufmann, dem Bauernsohn. Der wird die alten Kirschbäume, die jetzt zum letztenmal blühen, mit der Axt aus der Welt räumen. Aber das weiß Lopachin noch nicht.