Ein neuer Star! Eine Sternschnuppe am Kunsthimmel? Was wird versprochen, was wird verkündet, was macht die neue Entdeckung so begehrenswert für Galeristen und Kunstdirektoren? Der Star ist jung, noch jünger als die legendären Dreißigjährigen, die damals neuen „Wilden“. Nur sechsundzwanzig Jahre alt, „noch nicht gereift“. Frische Ware.

In seinen Bildern jongliert der in Brooklyn geborene Basquait (der Vater kommt aus Haiti, die Mutter aus Puerto Rico) mit dem, was nicht in Salons, wohlriechenden Apartments zu finden, sondern im Untergrund: Schnell hingeworfenes Wandgekritzel, U-Bahn-Graffiti, Sensationsankündigungen aus dem Jazz-Keller, dem Discount-Markt, grelle Farben, laute Töne, Heilsarmee und Schlangenbeschwörer. Alles ist konsumierbar! Das sind die Elemente der Religion, die Jean-Michel Basquiat magisch mit drahtig gezwirbeltem Haar empfängt und weitergibt. Moses und seine Zaubertricks, die Panzerknacker und ihre Wundertaten, Totem und Strichmännchen: Die Bildkürzel tauchen über und unter Farbbahnen, Streifen und Schlieren auf, eines neben dem anderen, eines so wichtig wie das nächste. Dazwischen Schriftzüge, kaum hingeworfen, schon wieder ausgestrichen und doch mit Basquiats Copyright versehen. Er nennt diese Versatzstücke „facts“, holt sie aus Büchern, von seinem überdimensionalen Fernsehschirm, von der Straße und aus der Gesellschaft seiner Jazz und Reggae hörenden Freunde. Facts führen ein eigenes Leben, nicht erdacht, nicht erfunden, lassen sie sich von ihrem Zaubermeister Basquiat aus dem Hut ziehen. Ende der Vorstellung. (Kestner-Gesellschaft Hannover bis zum 25. Januar, Katalog 35 Mark). Elke von Radziewsky

München: „Wiener Kinetismus / E. G. Klien“

Die Wiener Variante des Jugendstils, die „Secession“, wurzelt im Kunstgewerbe – selbst das Gebäude, das Joseph Maria Olbrich für die Ausstellungen der „Secession“ entwarf, hat die Form einer Schmuckschatulle. Auch nach dem Untergang der Doppelmonarchie kamen wichtige Anstöße aus dem Bereich der angewandten Kunst: Der Wiener Kinetismus, ein bis heute kaum bekannter Zweig der Avantgarde in den frühen zwanziger Jahren, ist entstanden aus Experimenten zur rhythmischen Gestaltung, die Franz Cizek mit seiner Klasse an der Wiener Kunstgewerbeschule durchführte. Cizek hatte eine Art von Aktivierungsprogramm entwickelt, das von der Steigerung der Erlebnisfähigkeit über das Bewußtwerden von Raumerfahrung zur Wahrnehmung von Bewegung führte. Den unterschiedlichen Annäherungen an die Wirklichkeit entsprachen unterschiedliche Mittel der Darstellung, die gefühlsbetonte Phase war expressionistisch, die rationale kubistisch oder konstruktivistisch und bei dem entscheidenden, auf das simultane Erfassen des Geschehens gerichteten Schritt stand der Futurismus Pate. Im Werk von Erika Giovanna Klien (1900-1957), der wichtigsten Vertreterin des Wiener Kinetismus (und Mutter des Pianisten Walter Klien), wird die merkwürdige Volte rückwärts deutlich, welche diese Gruppe beim Sprung nach vorn ausführte: Das zeitgemäße künstlerische Vokabular diente zur Herstellung von Bildern, in denen der ornamentale Flächenzusammenhang der Sezessionskunst wieder auflebte, nur waren die Blüten durch Propeller ersetzt und die Ranken durch Gegenstände in Bewegung. E. G. Klien und einige andere haben die Dynamisierung des Ornaments probiert, nicht ohne Erfolg, und schon deshalb ist der Wiener Kinetismus mehr als nur eine Fußnote zur Kunstgeschichte unseres Jahrhunderts. (Galerie Michael Pabst, bis zum 17. Januar 1987; Katalog 25 Mark)

Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Androgyn“ (Neuer Berliner Kunstverein bis 4. 1., Katalog 28 DM)