Der Deckel der Augsburger Puppenkiste öffnet sich – und da stehe ich im Lummerland meiner Kindheit! Aber die kahlen Wände des Foyers, in dem die kleinen Fernsehspiele mit großem Aufwand gedreht werden, sehen mich ratlos an. Sie kennen mich nicht. Und meine Freunde Jim Knopf und Kater Mikesch hängen im Fundus, aus dem sie höchstens Silvester zum Kabarett hervorgeholt werden.

Ich bin am falschen Ort Der Deckel ist die Tür des Heilig-Geist-Spitals, dessen Renaissancefassade leise abbröckelt. Dahinter liegt ein Marionettentheater wie viele andere auch, größer, aber nicht reicher, mit Dr. Faust und Grimms Märchen. Es gibt sie also wirklich, die Augsburger Puppenkiste, aber es ist nicht die, die ich meine, mit der ich aufgewachsen bin.

Gehört hat jeder schon von ihr, aber nicht jeder weiß, wovon ich spreche. Dazu muß man wie ich mit der armen alten Lok Emma um die Wette gezittert haben, als sie den dicken Felsbrocken entdampfen mußte. Trotz strikten Verbots ("Kind, du bekommst schlechte Augen!") bin ich noch näher an den Fernseher gerückt, um Wawa und Ping zu helfen, das Urmel auszubrüten. Nachts habe ich von den skurrilen und lustigen Geschichten geträumt, und spätestens am Ende der ersten Sendung konnte ich das Lied der Blechbüchsenarmee auswendig. Nur die Stimmen konnte ich nicht nachahmen, die waren zu knorrig und tief. Meine Phantasie war es, die tiefe Gefühle auf die unbeweglichen Holzgesichter zauberte. Ein bißchen schräg hingen die immer, als ob sie nicht daran glaubten, daß die Welt so war, wie sie sein sollte.

Für mich gehört die Augsburger Puppenkiste zu verlorenen Zeiten wie Silberlinge und Knöteriche, Kaufladen und Indianerspiel. Die Eltern ließ ich am Mittagstisch sitzen und über Adenauer und die Kennedys diskutieren, und während die großen Schwestern zu Demos und zu den Beatles zogen – setzte ich mich mit Freuden vor den Bildschirm, auf daß der Deckel sich öffne. Heute schleppen wir die eigenen oder andere Alibikinder davor: Die Hälfte der Zuschauer sind Erwachsene, schätzt Ingrid Götz, die die Sendung beim Hessischen Rundfunk betreut. Ich scheine nicht die einzige zu sein, die den Erinnerungen nachträumt.

Geboren wurde die Augsburger Puppenkiste lange vor mir, an 26. Februar 1948; Vater wurde der Schauspieler Walter Oehmichen. Der Sohn eines Zirkusclowns baute sein Theater mit organisierten Schrauben auf; ehemalige Hitlerfahnen ersetzten die Wände. Nicht zufällig stand "Der gestiefelte Kater" auf dem Eröffnungsprogramm. Die Kleinen sind hier, auf Bühne und Bildschirm, immer die Großen, die Schwachen die Starken, das Kind König. Der Junker heißt Hohlkopf.

Walter Oehmichen und sein Autor und Regisseur Manfred Jenning sind inzwischen gestorben. Aber auch die Frankfurter Augsburger Puppenkiste lebt weiter, inzwischen schon ein Fernsehfossil. 1953 trat sie das erste Mal, live, vor der Kamera des NWDR auf. Dann folgte sie dem Ruf des früheren Augsburgers Fritz Umgelter zum Hessischen Rundfunk, gab ein kurzes Gastspiel beim Bayerischen Rundfunk und blieb 1959 endgültig bei den Hessen hängen. Alle Jahre wieder öffnet sich seitdem der Deckel zur Adventszeit mit einer vierteiligen Serie und, meist im Frühjahr, zu einer einstündigen Sendung. Da kann nur noch Robert Lembke mithalten. Dabei habe ich noch nicht Hunderte von einzelnen Auftritten, etwa beim Sandmännchen oder im italienischen Fernsehen, mitgezählt.

Aber wie überlebt ein Fossil? Ein Schritt zurück nach vorn. Auf dem Weg nach Augsburg mache ich Station in Frankfurt, um mir von der Vergangenheit erzählen zu lassen und einen Blick in die Zukunft zu werfen.