Ehe er sich die Giftkapsel zwischen die Zähne schob und die Pistole an die Schläfe setzte, diktierte er noch einer Sekretärin sein persönliches Testament: „Was ich besitze, gehört – soweit es überhaupt von Wert ist – der Partei, sollte diese nicht mehr existieren, dem Staat.“ Und weiter: „Ich habe meine Gemälde in den von mir im Laufe der Jahre angekauften Sammlungen niemals für private Zwecke, sondern stets nur für den Ausbau einer Galerie in meiner Heimatstadt Linz an der Donau gesammelt. Daß dieses Vermächtnis vollzogen wird, wäre mein herzlichster Wunsch.“

Die Galerie wurde nie gebaut, die Partei gibt es schon lange nicht mehr, aber der Staat hat die Zeitläufe überdauert, wenn auch geteilt. Ihm gehört, was von jenen Sammlungen übrig geblieben ist: Gemälde, Plastiken, Graphiken, Münzen, Gobelins. Geschätzter Wert im Jahre 1968: mindestens dreißig Millionen Deutsche Mark. In einem nächtlichen Tischgespräch hatte jener Sammler einmal gesagt, für die Galerie könne er sich nur eine Überschrift denken: „Dem deutschen Volk zu eigen.“ Dieses Volk, von dem einige Politiker wünschen, daß es endlich aus dem Schatten Adolf Hitlers heraustrete, steht nun in den Museen andächtig vor erlesenen Kunstschätzen, ohne zu annen, daß niemand anderer als eben dieser Hitler sie ihm hinterlassen hat. Zum Beispiel im Frankfurter Städel das „Bildnis der Hendrikje Stoffels“ von Rembrandt, für die er noch im Frieden nur mal eben 900 000 Reichsmark hingeblättert hat. Zum Beispiel das „Bildnis eines sächsischen Herrn“ von Lucas Cranach im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Zum Beispiel „Der Tanz“ von Watteau in der Gemäldegalerie Berlin-Dahlem. Zum Beispiel die Bilder aus Moritz von Schwinds „Aschenbrödel-Zyklus“, verteilt auf Museen in München, Oldenburg, Mülheim an der Ruhr und Wiesbaden. Und jedesmal wird ein Schild dem Betrachter bedeuten, es handle sich um eine „Leihgabe der Bundesrepublik“.

Auch das ist eine Art, Vergangenheit zu bewältigen. In diesem Jahr, wo abermals die Suche nach berühmten Kunstschätzen aufgenommen wird, die man seit 1945 verloren glaubte, wo noch immer Geheimnisse aus dem NS-Reich nicht enträtselt werden können, weil Archive und Behörden sie hüten, wo die sogenannte Nazi-Kunst weiterhin ängstlich in Depots verschlossen wird, wo alle Welt über die Kulturschande vor vierzig Jahren, die Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ reden wird, da ist es an der Zeit, wieder an den größten Kunstraub der Geschichte zu erinnern.

Jene 1067 Gemälde, die das Bundesfinanzministerium an 102 Museen ausgeliehen hat, jene 210 Gemälde, die in der Villa Hammerschmidt, im Auswärtigen Amt oder in deutschen Botschaften hängen, jene 256 Gemälde, mit denen Spitzenbeamte der Bonner Ministerien und anderer Bundesbehörden ihre Amtsstuben schmücken – sie stammen ja nicht von edlen Spendern und Kunstsammlern, sondern von zwei durchtriebenen Kunsträubern.

Der eine, Adolf Hitler, trieb es heimlich und wahrte nach außen hin den legalen Schein, der andere, Reichsmarschall Hermann Göring, protzte offen mit seinen Sammlungen. Vieles von ihren im Krieg zusammengerafften Schätzen ist unterbezahlt oder unter Druck verkauft worden oder hat rassisch oder politisch Verfolgten gehört, die sich in der Not von ihrem Besitz trennen mußten oder von „Volksgenossen“ bestohlen worden sind.

Die Geschichte dieses Kunstraubes fing an im März 1938, als Hitler seine österreichische Heimat mit Waffengewalt und unter dem Jubel der großen Mehrheit „heim ins Reich“ holte. Beim Einzug in seine Heimatstadt Linz gelobte er in seiner Rührung, sich einen Jugendtraum zu erfüllen. In Linz wollte er sich und wohl auch seiner Mutter ein Denkmal setzen: das schönste und größte Museum der Welt – es sollte den Louvre, die National Gallery, das New Yorker Metropolitan Museum und die Eremitage weit in den Schatten stellen. Die oberösterreichische Landeshauptstadt wollte er in eine Weltstadt verwandeln, und sei es, um dem verhaßten Wien eins auszuwischen, das ihm in seiner Jugendzeit die erhoffte Künstlerkarriere verwehrt hatte.