III. Programm (NDR, RB, SFB): „Ein Platz für Menschen“; 1. Teil „Zu Hause im sozialen Wohnungsbau“ von Gina Angress-Köhler und Lore Ditzen; 2. „Mit Kindern wohnen“ von Carola Bennighoven; 3. „Das Cello wohnt im III. Stock“ von Stefan Siemssen; 4. „Die eigene Wohnung ist der Anfang“ von Michael Böttcher; vom 29. 12. bis 1. 1., jeweils um 19 Uhr.

Man steht davor, reckt den Kopf, sieht alles grau, graue Betonburgen, -klötze, -monster quer und hoch, schon ist alles klar: Massenmenschhaltung. Alle Verwünschungen dieser Behausungspolitik unter dem Rubrum „sozialer Wohnungsbau“ versammeln sich in dem einen Wort: Grauenhaft! Ist es so?

In vier Filmen wird das vielgebrauchte Klischee ruiniert – nicht mit Vorsatz, sondern durch Fragen und Beobachtungen. Das Fazit dieser Reportagen heißt: nicht das (Hoch-)Haus, die Siedlung, das Viertel machen Heimat und Wohnlichkeit aus, sondern die Menschen, die darin wohnen, und die Beziehungen, die sie untereinander pflegen. Nicht einmal der Grundriß bestimmt die Qualität des Lebens. Es ist, wie paradox auch, die Geschicklichkeit, sich ihm (notgedrungen) zu fügen und ihn sich dabei gefügig zu machen.

So verfolgt man, ziemlich neugierig gemacht, wie der Mensch seinen Ruf als das anpassungsfähigste Lebewesen der Erde behauptet, indem er sich seine gebaute Umwelt zurechtmacht, sich mit ihr arrangiert. Niemand kann da noch sagen, was dabei Einbildung, was Realität sei. Klar wird in diesen Filmen, vor allem im ersten dieser Serie, daß der Zwang der materiellen Umstände die unerschöpfliche Herausforderung ist, das objektiv Hinderliche in etwas subjektiv Hilfreiches umzudeuten. Es beweist die alte Erfahrung aufs Neue, daß der Mensch nur existieren kann, wenn er glaubt, mit seiner Umwelt im Reinen zu sein. Er will es schön haben, also ist es schön – seine Phantasie dabei ist grenzenlos, ernst und komisch.

So verfolgt man mit seltsamer Spannung, wie Mieter mit ihren kleinen, verwinkelten, auch den großen, schwierig zu handhabenden Wohnungen umgehen, sie sich zurechtdeuten, sich darin „zurechtrütteln“ – in den Mietskasernen der Jahrhundertwende, in den immer noch properen Siedlungen der zwanziger Jahre, in den schon lädierten Massensiedlungen der Nachkriegszeit und in den neuen, so betont originellen Wohnblöcken. Faszinierend zu sehen, daß am Ende der Mensch gegen das Gehäuse gewinnt – weil er, ohne sich deswegen gleich seiner Kritik zu begeben, seinen Tribut nicht als Unterwerfung, sondern als Triumph empfindet.

Originell ist, daß die Autoren dieser Serie allen Vorurteilen geflissentlich aus dem Wege gehen und statt dessen beobachten, fragen, hinhören, dabei Entdeckungen machen und sehr zu denken geben: eine ungewohnte, subtile, unauffällige Version der Kritik. Vor allem üben sie Geduld, eine fast vergessene Fernsehtugend, die vor allem den dritten Teil der Serie auszeichnet: Alle Musikstücke dürfen zu Ende gespielt, wahrhaftig miterlebt werden; alle Personen dürfen zu Ende reden; dem Zuschauer bleibt genügend Zeit, sich Gedanken zu machen. So zeigt sich der soziale Wohnungsbau durch seine Benutzer, daß er so ist, wie man ihn kennt, aber ganz anders. M. S.