Tritt das EG-Dutzend aus dem außenpolitischen Windschatten?

Von Dieter Buhl

Den Reden zum Jubiläum im kommenden März wird der Überschwang fehlen. Wenn die Westeuropäer den 30. Jahrestag der Unterzeichnung der Verträge von Rom feiern, die das Fundament ihrer Gemeinschaft bilden, haben sie keinen Anlaß zur Euphorie. Zwar gilt noch immer, was Konrad Adenauer damals im Heldensaal des römischen Kapitols versprach – daß die Europäische Gemeinschaft nur friedliche Ziele verfolge und sich gegen niemanden richte. Aber die weise Selbstbeschränkung allein weist heute, mehr als vier Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht mehr den Königsweg zur europäischen Einigung.

Europa muß entscheiden

Der Elan der frühen Jahre speiste sich aus dem Verlangen nach Überwindung von Erzfeindschaften und Animositäten auf dem zerfurchten Kontinent. Inzwischen, da die Friedfertigkeit der Westeuropäer untereinander wie gegen andere durch Einsicht gefestigt ist, bedarf es zusätzlicher Anstöße für den Einigungsprozeß. Sie zu finden und in mitreißende Politik umzusetzen, ist zum Problem der Gemeinschaft geworden.

Die EG wird als alltägliches Faktum hingenommen, ihre Wohltaten, so sie sich fassen lassen, gelten als Selbstverständlichkeit. Gefühlsaufwallungen verursacht das organisierte Europa nur, wenn der Überfluß zum Ärgernis wird, wenn sich aus dem Füllhorn der europäischen Agrarpolitik wieder einmal zuviel Fleisch und Obst und Milch auf den gesättigten Markt ergießen. Das war im abgelaufenen Jahr so, es wird sich im neuen Jahr wiederholen.

Die Last der Überproduktion können (zumindest kurzfristig) selbst die Quotenregelungen nicht erleichtern, die auf der Habenseite der europäischen Bilanz für 1986 zu verbuchen sind. Das garantiert schon die Dialektik der Gemeinschaft: Wo eine Fehlentwicklung gebremst wird, beschleunigt sich eine andere. Immerhin beweist der Ansatz zum Eindämmen der Agrarflut Handlungsfähigkeit. Die Aufstockung der EG-Mitgliederzahl um Spanien und Portugal am vergangenen Jahresanfang hat nicht zur befürchteten Lähmung geführt. Auch im Dutzend kann Europa noch entscheiden.