Von Christian Hacke

Der Frage nach der sogenannten Identität, die bei uns Deutschen derzeit Konjunktur hat, scheint ein gewisser nazistischer Grundzug nicht fremd zu sein. Spottete doch schon Friedrich Nietzsche darüber, daß bei den Deutschen die Frage: "Was ist deutsch?" niemals ausstirbt. Werner Weidenfeld, renommierter Professor für Politikwissenschaft in Mainz, hat sich des Themas gewissenhaft, angenommen, dazu Nachdenkenswertes geschrieben und interessante Autoren zu Wort kommen lassen:

Werner Weidenfeld (Hrsg.): Nachdenken über Deutschland; Materialien zur politischen Kultur der deutschen Frage; Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1985; 184 S., 19,80 DM.

Ein junger Politikwissenschaftler aus Mainz, Karl-Rudolf Korte, zeigt in einem lesenswerten Beitrag, wie Raum, Ziel, Gefühl und Wert auf die verschiedenen Dimensionen des deutschen Standorts gewirkt und deutsche Identitäten geprägt haben: Identitätskrisen, so seine Schlußfolgerungen, sind nicht nur pathologisch zu deuten, sondern vielmehr als positives Zeichen inneren Wachstums. Schade, daß dieser richtige Befund nicht mehr vertieft wurde.

Körte verweist auch darauf, daß viele deutsche Literaten sich sui generis als bessere deutsche Patrioten verstehen. Die "Republik Schwarzenberg" als Minipufferstaat zwischen den Blöcken von Stefan Heym symbolisiert diese Haltung, die an alte Brückenschlagsparolen von Alfred Andersch im "Ruf" 1946-1949 ebenso anknüpft wie an das politische Konzept des CDU-Politikers Jakob Kaiser: Deutschland als Mittler, als Brücke in Europa, hat heute, unter veränderten Großmachtbeziehungen und veränderten europa- und deutschlandpolitischen Bedingungen, eine neue Faszination. Allerdings schimmert bei manchen Literaten – das macht Korte deutlich – ein spezifisch deutscher Provinzialismus durch, der mit einer Prise bekannter deutscher Romantik eine ganz spezielle deutsche Seelenlage bloßlegt: die Fähigkeit, mit beiden Beinen fest in den Wolken zu stehen. Folgendes Zitat von Heinrich Heine ist nicht ohne Grund einmal von Helmut Schmidt aufgegriffen worden: "Franzosen und Russen gehört das Land, das Meer gehört den Briten, wir aber besitzen im Luftreich des Traums die Herrschaft unbestritten. Hier üben wir die Hegemonie, hier sind wir unzerstückelt; die anderen Völker haben sich auf platter Erde entwickelt."

Der Historiker Hagen Schulze verweist pointiert auf diese deutsche Versuchung des Absoluten in einigen Anmerkungen zur deutschen politischen Kultur im 19. und 20. Jahrhundert; da wurde deutsche Identität durch Abgrenzung gegen Frankreich gesucht. Sitzt nun dieser alte antirationalistische, antiaufklärerische und antidemokratische Stachel nach wie vor im deutschen Identitätsspeck? Hier scheint sich doch gerade im deutsch-französischen Verhältnis seit dem Zweiten Weltkrieg ein radikaler Wandel durchgesetzt zu haben. Schulze zeigt dann, wie antiangelsächsische Ressentiments auf deutsche Identität gewirkt haben. Diese scheinen heute allerdings in der Bundesrepublik eine Renaissance zu erleben.

Der Soziologe Sven Papcke knüpft an diese Überlegungen vom deutschen Sonderbewußtsein an und zeigt, wie Identität sich durch Abgrenzung nach Ost und West gebildet hat. Schon Ferdinand Tönnies stellte 1887 der scheinbar kalten Gesellschaft westeuropäischer Prägung sogenannte deutsche Gemütlichkeit als Gemeinschaftserlebnis gegenüber. Hierbei entstand ein spezifisch deutsches Defizit, eine Kluft zwischen technischer Lagebeherrschung und politischer Kultur, wie Papcke darlegt. Naivität erschwerte Deutschlands Weg in die Moderne. Nur wenige, wie Max Weber, haben diesen Befund diagnostiziert und zugleich so an ihm gelitten.