Von Klaus Modick

Theodor W. Adornos berühmtes Verdikt, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, ist häufig zitiert und noch häufiger mißverstanden worden. Gemeint war, daß die unvorstellbar systematische Unmenschlichkeit des Faschismus besonders die Literatur vor zunehmende Probleme gestellt hat, das Geschichtliche überhaupt noch darzustellen. Der faschistische Völkermord habe nämlich jegliche „Freiheit des Subjekts“ liquidiert – und zwar auch die Freiheit in seiner Betrachtung.

Eine Darstellung, die dem Grauen gewachsen bleiben will, ohne es in Entertainment-Reize zu zersetzen, hätte also eben dieser Vernichtung der Freiheit Gestalt zu geben, ihren Verlust zu reflektieren. Künstlerische Gebilde, in denen das gelang, gibt es durchaus, von Paul Celans Gedicht „Todesfuge“ bis hin zu Robert Merles romanhafter Biographie des Auschwitz-Kommandanten Höss, „Der Tod ist mein Geschäft“ (von Theodor Kotulla unter dem Titel „Aus einem deutschen Leben“ kongenial verfilmt). Es gibt freilich auch zur Genüge das perverse Spiel, das maßlose Grauen für ein immer abgestumpfteres Publikum als Unterhaltungskitzel gefügig zu machen – Auschwitz als Hollywood-Spektakel.

Adorno war es auch, der darauf hinwies, daß die Atomtechnologie (gleich, ob sie „friedlich“ oder militärisch genutzt wird), „buchstäblich mit einem Schlag Hunderttausende auslöschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hineingehört wie der Völkermord“. Allerspätestens mit der Katastrophe von Tschernobyl dürfte die Legitimität dieses Vergleichs evident geworden sein.

Evident geworden ist freilich auch wieder das Problem, ob überhaupt und wenn ja, wie, dieser Völkermord auf Raten, der nicht nur unsere Gegenwart, sondern jetzt schon zukünftige Generationen betroffen hat, künstlerisch darstellbar ist. Daß der im Entstehen begriffene, globale Atomstaat mit der Freiheit des Subjekts kurzen Prozeß macht, verweist auf seine faschistischen Tendenzen; der Sachverhalt verkompliziert sich allerdings noch dadurch, daß in einer möglichen Gestaltung des atomaren Gewaltzusammenhangs keine traditionell-politische Haltung mehr zu beziehen ist, weil sich zwischen Scylla und Charybdis von Energiebedarf und sogenanntem Restrisiko die ideologischen Unterschiede der Systeme nivellieren. Darüber hinaus ist die Bedrohung selbst extrem unsinnlich, unfaßbar im doppelten Sinn, wahrzunehmen nur noch an abstrakten Meßdaten, wahrzunehmen freilich auch am Leid der Opfer – und seien es Spätfolgen, die sich im Lauf der Jahre statistisch verflüchtigen sollen.

Der Unglücksreaktor von Tschernobyl war noch nicht einmal in jenes gigantische Betonmausoleum verwandelt, als das er nun über Jahrhunderte hinweg kontrolliert und bewacht werden muß, da witterten bereits einige Verlage und Autoren Stoff. Und zwar Stoff für Romane! – nicht etwa für mehr oder weniger nützliche Protestnoten und Sachaufklärungen, die, angeführt von dem Titel „Nach dem Super-GAU“, notwendige Informationen mit dem Geschäft paarten, das sich mit dem Schrecken machen läßt.

Noch ohne nur hineingesehen zu haben, war ich fassungslos, als die drei hier anzuzeigenden Romane auf meinem Schreibtisch lagen. Solch knallige Umschlagbilder, solch „griffige“ Titel im Schreckenstrend, daß ich körperliche Ekelgefühle überwinden mußte, um diese makaberen Spekulationsobjekte überhaupt zu lesen.