Von Katharina Sieh-Burens

Schon 1869 schrieb der englische Naturforscher Alfred Russell Wallace in seinem Reisebericht „Der Malayische Archipel“ über die Stadt Malakka: „Heutzutage läuft kaum je ein Schiff über hundert Tonnen in den Hafen, und der Handel beschränkt sich gänzlich auf wenige unbedeutende Produkte der Wälder und auf die Früchte, welche die von den alten Portugiesen gepflanzten Bäume jetzt geben, zum Entzücken der Einwohner von Singapur.“ Für den Reisenden des 19. Jahrhunderts war es offensichtlich, daß die älteste Stadt auf der malaiischen Halbinsel ihre traditionelle Schlüsselposition als Zentrum des Seehandels zwischen Ost und West an die noch junge britische Kronkolonie Singapur verloren hatte.

Der bis heute nicht erfolgte Anschluß an das Eisenbahnnetz förderte ein städtisches Leben, auf das noch immer die Bemerkungen eines englischen Zeitgenossen von Wallace zutreffen: „Malakka ist eine seltsame, verträumte, alte holländische Stadt, in der man gut Früchte, Freundschaft und Gastfreundschaft der Nachfahren portugiesischer und holländischer Kolonisten genießen kann. Es ist ein Fleck, an dem auf jeder Türschwelle die Muße zu sitzen scheint, schläfrig wie die sanfte See und träge wie die riesigen Palmen, deren breite Blätter sich über die alten verwitterten, behaglichen Häuser neigen.“

Der einst so wichtige Hafen an der Mündung des Malakka-Flusses ist versandet. Wo mehr als vier Jahrhunderte lang farbenprächtige Schiffe aus aller Herren Länder – arabische Daus, chinesische Dschunken, portugiesische Karavellen und dicke holländische und englische Kauffahrteischiffe – festmachten, Fracht löschten und wieder in See stachen, tuckern heute nur noch die grellviolett gestrichenen Holzboote der Fischer mit lautdröhnendem Dieselmotor durch das schmutzigbraune Wasser. Aber auch sie unterbrechen morgens und abends nur für kurze Zeit das geruhsame Treiben am Ufer und stören den Besucher in seinen Träumen über die wechselvolle Geschichte Malakkas.

Die Stadt entwickelte sich im 15. Jahrhundert von einem kleinen Fischerort zur bedeutendsten Handelsstadt im Malaiischen Archipel. Ihre Sultane unterhielten enge Beziehungen zur chinesischen Ming-Dynastie. Bis in diese Zeit reicht die Entstehungsgeschichte des weitläufigen Friedhofshügels „Bukit China“, der sich im Nordosten der Stadt erhebt, zurück. Mit ihm verbunden ist die märchenhaft anmutende Geschichte einer chinesischen Prinzessin, die, mit einem Sultan verheiratet, im 15. Jahrhundert auf dem Hügel residiert haben soll. Von dessen Spitze hat man einen herrlichen Blick auf die ruhige, blaue See und weit ins Landesinnere. In der mittäglichen Sonne glitzern die terrassenförmig angelegten, oval ummauerten weißgekalkten Gräber mit ihren kunstvollen blauen, roten und goldenen chinesischen Schriftzeichen. Unter Bäumen dösen Malaysier in der Hitze. Abkühlung verspricht nur der am Fuße des kleinen Berges liegende, ebenfalls aus dem 15. Jahrhundert stammende Periji-Raja-Brunnen.

Malaysias ältester buddhistischer Tempel Chen-Hoon-Teng liegt weiter westlich, jenseits des Flusses. Seine reiche Ausschmückung mit Schnitzereien und Bemalungen aus dem 17. und 18. Jahrhundert gibt eindrucksvoll Zeugnis von der hier ansässigen wohlhabenden Schicht chinesischer Händler, deren Nachfahren noch heute das Bild des angrenzenden Viertels bestimmen. In dessen engen Straßenzügen stehen dicht an dicht jahrhundertealte schmale Chinesenhäuser. Im Erdgeschoß, zur Straße hin offen, liegen Werkstatt oder Laden. Die vorspringenden Obergeschosse ruhen auf Pfeilern und schaffen so auf beiden Straßenseiten einen schattigen, kolonnadenartigen Gang. In fast jedem Geschäft hängt an der Rückwand ein kleiner buddhistischer Hausaltar, bunt geschmückt mit Lichtern, Eßwaren, Blumen und Räucherstäbchen.

In den Gaststuben steht oft noch altes Mobiliar, runde Holztische mit hellen, blankgeputzten Marmorplatten. Im „Ue Tea House“ entspannt man sich bei aromatischem Tee. Eine junge Chinesin gießt laufend heißes Wasser in die kleine Teekanne nach, das sie zuvor aus einem riesigen Bottich schöpft. Hier trifft man auch auf die wenigen Europäer, meist Globetrotter, die zu Hause Wohnung und Beruf aufgegeben haben und jetzt von zwanzig bis dreißig Mark am Tag leben. In Malakka ist dies auch durchaus möglich. Billige Unterkünfte gibt es genug, und das Essen bei den Freiluftküchen kostet nur wenig. Für den anspruchsvolleren, betuchten Reisenden bieten moderne Hotels wie das „Ramada Renaissance“ den nötigen Komfort.