Es war an jenem Samstag morgen nach dem Interview, das bis in die Nacht hinein gedauert hatte, ein Morgen zum Ausschlafen. "Wecke ich Sie?" fragt Lilli Kopecky.

"Es tut mir leid", sagt sie mit dieser leisen Ferngesprächstimme, "aber es gibt etwas, was ich Ihnen schon vorgestern und gestern sagen wollte, etwas, was Sie wissen sollten, wenn Sie über mich schreiben. Es ist vielleicht das Wichtigste." Stunden um Stunden geredet, und nicht das Wichtigste besprochen?

Ob ich mich an mein Kompliment über den Seidenschal erinnere? An die Bemerkung über den Nerz? Sie hatte gelacht und sich bedankt mit jener mädchenhaften Koketterie, mit der uns Damen wie sie manchmal an die alte Welt erinnern: "Elegant? Aber wissen Sie denn, wie alt ich bin? Ich bin noch guter Vorkriegsjahrgang, 1913, ich bin ja noch im alten Österreich-ungarischen Reich geboren ..." Sie hatte ihr Haar geglättet. Rehbraun.

"Ich fürchte, Sie haben ein falsches Bild von mir bekommen", sagt sie mit gepreßter Stimme.

"Ich habe mich die ganzen Tage – auch als Sie danach fragten, wie ich denn in Israel lebe – ich habe mich nicht getraut zu sagen, daß ich und daß wir alle fürchterlich arme Teufel sind."

Der Schal von Dior – das Geschenk eines Freundes. Der Pelz – geerbt von der Schwägerin, die vor vier Jahren gestorben ist. "Ich lebe seit Jahren von meiner Pension. Ich habe soviel, daß ich leben kann. Die Wohnung in Tel Aviv ist eine sehr kleine Wohnung, und das ist in Ordnung, aber sie ist auch gleichzeitig das Büro des Komitees der Auschwitz-Überlebenden, und das heißt nicht, daß es ein Bürozimmer gibt. Der Eßtisch ist der Schreibtisch. Wir sind eine kleine Organisation, alte Leute, die meisten arbeiten nicht mehr. Und ich habe mich einfach geschämt, weil ich zugeben muß, wir sind so arm."