Also los: Warum interessiert sie unsereinen nicht sonderlich, die Bundestagswahl 1987?

Klar, weil jetzt schon sicher ist, wer siegt und wer verliert. Die genauen Zahlenverhältnisse, in denen sich dann Sieg und Niederlage darstellen werden, erregen meine Neugier nicht –

Das sollten sie aber, unterbricht A., 47 Jahre alt, Professor für Germanistik. Wenn die CDU/CSU die absolute Mehrheit erringt, dann kriegen wir eine andere Republik –

Jaa, sage ich gedehnt, das wäre nicht so toll, die absolute Mehrheit für Helmut Kohl, und Franz Josef Strauß als Außenminister. Aber einerseits glaube ich nicht, daß die Leute das wirklich haben wollen –

Eine Republik, ist A. längst fortgefahren, in der die demokratische Tradition entscheidend geschwächt und der Obrigkeitsstaat zurückgekehrt ist: hör doch mal genauer hin, was der Innenminister so verlauten läßt; eine Republik, in die auch die nationalistische Lebenslüge zurückgekehrt ist: das kannst du doch nicht einfach übergehen, dies Gerede, die deutsche Frage sei weiterhin offen, die polnische Westgrenze für uns nicht verpflichtend festgelegt und so fort; eine Republik, in der die frisch entfesselte Kapitalistische Dynamik die Reichen immer reicher und die Armen, immer ärmer macht: und der Staat verzichtet darauf, die ärgste Ungerechtigkeit zu lindern, weil Leistung sich ja wieder lohnen soll. Und ihr, die freischweifenden Intellektuellen, was macht ihr? Ihr wartet ab und schaut zu – wenn ihr die restaurativen Tendenzen nicht sogar fördert: Was soll denn diese anhaltende Begeisterung für Nietzsche? Plötzlich war nicht mehr Brecht angesagt, sondern Ernst Jünger! Ich sage nur: Botho Strauß! Und Peter Handke ist schon ganz fromm geworden! Es hat schon einmal in Deutschland eine Situation gegeben, wo die Intellektuellen, statt zu kämpfen –

Jetzt werden aber wir ihn unterbrechen, unseren Freund A., Professor für Germanistik, kein freischweifender, sondern ein verbeamteter Intellektueller: Wenn er anfängt, sich auf seinen Pessimismus, die Zukunft betreffend, etwas einzubilden, werde ich immer nervös. Das Abendessen, das wieder vorzüglich war, ist vorbei, und er hat sich eine gute Zigarre angezündet.

Er plaudert dann gern über die Gewalt in der Familie, die immer mehr zunehme; über die Orthographie-Kenntnisse seiner Studenten, die immer mehr abnähmen; über die Zerstörung von Intelligenz und Phantasie durch das Fernsehen, et cetera. Ja, solche Abende können ganz schrecklich sein.