Ein Rückblick auf das Scharnierjahr 1986 – die Themen von morgen: unser Verhältnis zur Technik und zu Amerika

Von Theo Sommer

I.

In manchen Jahren dreht sich die Weltgeschichte vernehmlich knarrend in den Angeln. Der Lauf der Dinge nimmt in derlei Scharnierjahren eine andere Richtung, Türen schlagen zu oder öffnen sich, Neues bahnt sich an. Die Zeitgenossen werden des Umschwungs oft gar nicht gewahr; im Wirbel der Flüchtigkeiten entgeht ihnen das Eigentliche. Aber unversehens hat sich im Vergangenen Kommendes angemeldet. Aus dem Wust des Geschehens entfaltet sich Geschichte.

Solch ein Scharnierjahr war 1986. Gewiß auch ein Jahr der kurzlebigen Aufgeregtheiten: Paragraph 116, Asylnovelle, Kronzeugenregelung; ein Jahr der Ruchlosigkeiten und Ratlosigkeiten: Terroranschläge, Parteienzank, Wahlkampfseichtigkeiten; ein Jahr der Halbheit und der Halbherzigkeit: beim Ausbau Europas, beim Abbau der Rüstungen, beim Umbau des Ost-West-Verhältnisses.

Aber von zwei Ereignisketten geht eine weit in die Zukunft weisende Wirkung aus. Die eine spannt sich von der Challenger-Explosion über den Supergau von Tschernobyl zum vorweihnachtlichen Giftmord an Vater Rhein; sie wird unsere Haltung zu Wissenschaft und Technik grundlegend verändern. Die andere Ereigniskette begann mit Amerikas Bomben auf Tripolis, setzte sich in Ronald Reagans Zagheit beim Gipfeltreffen in Reykjavik fort und endete mit den schockierenden Enthüllungen über "Irangate"; sie wird unsere Einstellung zu den Vereinigten Staaten langfristig umstürzen. Wir frösteln und fremdeln mit einem Male in der Welt, die wir uns nach 1945 geschaffen haben – der Welt der modernen Großtechnik wie der Welt der bedingungslosen Anlehnung an Amerika.