Eine Zäsur ist zu vermelden. Die nichteheliche Lebensgemeinschaft – die Ehe ohne Trauschein, die freie Partnerschaft, wie immer man sie nennen mag – gibt es jetzt auch amtlich. Familienministerin Rita Süssmuth und Justizminister Hans Engelhard haben eine handliche Broschüre herausgegeben, die – mit schwarzrotgoldener Banderole und Bundesadler – kompetent und verständlich auf zwanzig Seiten darüber informiert, wie das geht: „Gemeinsam leben ohne Trauschein“.

Das Kind, dem hier von Amts wegen unter die Arme gegriffen wird, ist freilich kein Baby mehr. Schon 1982 gab es in der Bundesrepublik mehr als eine Million (1 032 000) Lebensgemeinschaften ohne Trauschein, das heißt, mehr als zwei Millionen Frauen und Männer lebten schon damals unverheiratet in einem auf Dauer angelegten gemeinsamen Haushalt.

Das ist, gemessen an der Bevölkerungszahl, noch nicht sehr viel, knapp vier Prozent. Und so kommentierte das Familienministerium die Statistik mit der Bemerkung, für die meisten Paare gehörten Ehe und Familie nach wie vor zusammen, und überhaupt: Bei den „nichtehelichen“ handele es sich, in Wirklichkeit vor allem um „voreheliche“ Partnerschaften. Doch dies war wohl schon damals nicht richtig, denn der Statistik ist zweierlei zu entnehmen:

Erstens: Zwischen 1972 und 1982 hat sich die Zahl der nichtehelichen Lebensgemeinschaften fast verdreifacht. Hält dieser Trend an, so ist 1987 nicht mit zwei, sondern mit vier Millionen unverheiratet Zusammenlebenden zu rechnen. Besonders steil war der Anstieg bei relativ jungen Leuten. In der Altersgruppe zwischen 18 und 35 lebten 1972 rund 87 000 Männer und Frauen in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft, 1982 waren es achtmal so viele: rund 680 000. Spitzenreiterinnen der Statistik sind die jungen Frauen unter 26 ohne Kinder. Mehr als zehnmal so viele von ihnen lebten 1982 unverheiratet mit einem Mann zusammen als noch zehn Jahre zuvor.

Die Annahme, der größte Teil von ihnen heirate später doch, spätestens beim ersten Kind, ist deshalb kaum begründet. Auch die Rate der nichtehelichen Geburten ist zwischen 1972 und 1982 von rund 5,8 auf 8,5 Prozent deutlich gestiegen. Es ist also nicht mehr unbedingt gesagt, daß Eltern, die heiraten könnten, auch heiraten wollen.

Zweitens: Die Zahl von zwei Millionen ist schon für 1982 sehr wahrscheinlich zu niedrig gegriffen. Berücksichtigt wurden nämlich nur Lebensgemeinschaften zwischen einem Mann und einer Frau in einem gemeinsamen Haushalt. Nun gibt es aber gerade in der eher unbürgerlichen Alternativszene Lebensgemeinschaften ohne gemeinsamen Haushalt. Da behält jeder seine eigene Wohnung, und man lebt mal hier, mal da, aber eben auf Dauer zusammen. Ferner gibt es dauerhafte Paarbindungen in Wohngemeinschaften mit mehreren anderen, seien die nun auch Paare oder nicht. Schließlich existiert ein, wenn auch kleiner, Prozentsatz homosexueller fest etablierter Lebensgemeinschaften. Sie alle wurden nicht mitgerechnet. Wer auf der einen Seite nur Trauscheine und auf der anderen nur Haushaltsgemeinschaften zählt, ist in Gefahr, an mancher Lebensgemeinschaft vorbeizuzählen.

Der Blick auf die Klingelanlage eines großen Mietshauses zeigt den soziologischen Befund: Die sogenannten Schrägstrich-Ehen (ohne Trauschein) sind in der Welt. Ein Blick in juristische Fachzeitungen zeigt die Folgen: Wenn freie Lebensgemeinschaften auseinandergehen, gibt es Streit. Der Begriff „nichteheliche Lebensgemeinschaft“ ist mittlerweile zum juristischen Fachterminus geworden, an dem kein modernes Familienrechtslehrbuch, kein Grundgesetzkommentar, kein Richter vorbeikommt.