Von Hansjakob Stehle

Rom, im Dezember

Zu den mächtigen Machern dieser Welt gehört der Papst nicht; doch fast mehr als an den Machthabern reibt sich an ihm die Kritik, auch katholische, von "rechts" wie von "links". Sein Beitrag zur Inflation der guten Worte, denen auf dieser Welt so wenig Taten entsprechen, erregt zwar geringeres Aufsehen als vor Jahren, doch inzwischen mehr Widerspruch. Liegt es daran, daß dieser Reisende aus Rom mit modernen Werbemethoden alte Rezepte, verpackt als unumstößliche Wahrheiten, unter die Leute bringen will? Hat es damit zu tun, daß Routine und Wiederholung ("die zweiunddreißigste Reise Johannes Pauls II. ... der Papst ruft zum Frieden ...") keine Schlagzeilen mehr produzieren, daß sich nur noch Reizworte ("der Papst gegen die Pille ..., der Papst redet vom Teufel") oder ein Indio-Baby auf seinem Arm, ein Tennis-Boris an seinem Ohr vermarkten lassen?

Und doch: Wenn er sich nicht ins Gerede brächte, nicht ins Getriebe, das heutzutage Massen durch Medien bewegt – wer würde von ihm und von dem, was er sagt, überhaupt sprechen? Jahrhundertelang wußten auch die Gläubigsten kaum, wie ein Papst aussah, geschweige denn, daß sie je einen gesehen hätten; nicht einmal Kreuzzüge führten einen Papst in ferne Länder, allenfalls Flucht oder Verbannung entfernten ihn aus Rom. Erst die technische Revolution vom Buchdruck bis zum Fernseher, von der Lokomotive bis zum Jet brachte auch Päpste immer mehr in Tuchfühlung mit Welt und Zeitgeist.

Daraus ergeben sich missionarische Chancen und Risiken. Säße der Papst auch heute noch verschanzt hinter Vatikanmauern – ein Sonntagsprediger, der von barocken Balustraden Rom-Touristen belehrt –, dann wären im Jahr 1986 die Augen aller Welt weniger oder gar nicht auf das Elend indischer Städte, auf die Nöte der Ureinwohner Kolumbiens und Australiens, auf den Skandal christlicher Spaltung und den Reichtum der religiösen Vielfalt dieser Welt gerichtet worden. Millionen Menschen wäre keine Erinnerung an eine Stunde der Freude, der Ermutigung, des – wenn auch noch so bescheidenen – Trostes geblieben; Zehntausenden wäre das Erlebnis versagt geblieben, die Hand eines Mannes zu spüren, der keine Wunder wirkt, aber jene Art von Hoffnung verbreitet, die wohltut, auch wenn sie nichts weiter als das Gemüt bewegt.

Einem Papst, der sich nicht von Schreibtisch und Hausaltar entfernt, wäre gewiß seine tatsächliche Ohnmacht gegenüber Problemen und Konflikten dieser Welt weniger stark zum Bewußtsein gekommen. Unter den Vatikanprälaten hätte es wohl auch kein Murren darüber gegeben, daß ihr Chef so oft das Weite sucht, statt im Verwaltungsapparat altehrwürdiger Dogmen seinen kirchenbürokratischen Pflichten nachzugehen. In ihm selbst wäre schließlich wohl kaum ein Lernprozeß gefördert worden, der im abgelaufenen Jahr zum ersten Mal ganz unverkennbar geworden ist: Begegnungen in vier Kontinenten mit andersgläubigen Christen und Nicht-Christen haben den römischen Pontifex nicht nur oberflächlich beeindruckt, ihm nicht nur – jenseits aller brüderlichen Gesten – das große Versagen beim Versöhnen aller Religionen zu Bewußtsein gebracht, sondern ihm zugleich einen Anstoß zum Nachdenken gegeben, dessen erste Ergebnisse sichtbar werden.

Da saßen jetzt in der vatikanischen Sala Clementina die Kardinäle und Bischöfe der römischen Kurie vor ihrem Dienstherren, der ihnen wie zu jedem Jahresende einen Bericht über die Lage der römischen Kirche geben sollte, eine Bilanz auch seines rastlosen Reisens und Redens. Doch das Unerwartete geschah: Der Mann auf dem Papstthron, ohne Pose nachdenklich in sich versunken, verlas langsam mit leiser Stimme eine neunseitige Betrachtung, in der es kein Wort über die Arbeit und Probleme der katholischen Kirchenregierung gab, kein Wort über seine Besuche in Indien, in Kolumbien, Südfrankreich, in Bangladesch, Singapur und auf den Fidschi-Inseln, in Neuseeland, Australien und auf den Seychellen. Nur ein einziges Ereignis des abgelaufenen Jahres beschäftigte den Papst, verklärte sich in seiner mystisch gestimmten Rückschau fast zum epochemachenden Durchbruch: die Begegnung aller Weltreligionen und Konfessionen zum Friedensgebet, die er am 27. Oktober in Assisi zustande gebracht hatte, zum Mißbehagen nicht weniger theologischer Grenzhüter.