Hat die Sowjetunion neue, ernsthafte Pläne zur Beendigung ihres Krieges in Afghanistan? Der Besuch Außenminister Schewardnadses in Kabul legte diesen Eindruck nahe.

Fast pünktlich zum siebten Jahrestag des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan offerierte der KP-Chef und General Nadschibullah seinen antikommunistischen Feinden einen halbjährigen Waffenstillstand. In dieser Zeit sollten die Kabuler Regierung und ihre Gegner nach Nadschibullahs Vorstellung über die Bildung einer Koalitionsregierung verhandeln – an der dann also auch die von Moskau und seinen afghanischen Gefolgsleuten stets als „Banditen“ und „Agenten des Imperialismus“ gebrandmarkten Führer der islamischen Guerillagruppen beteiligt würden.

Seit seinem von den Sowjets unterstützten Machtantritt im Frühjahr 1986 bemüht sich Nadschibullah um die Aussöhnung mit Vertretern der nichtkommunistischen Mehrheit, allerdings mit Methoden, die den Frieden nicht näher brachten: Stammesführer in den Bürgerkriegsgebieten wurden mit Bestechungsgeldern zum Überlauf ins prosowjetische Lager veranlaßt, machtlose Vertreter des städtischen Bürgertums und der islamischen Geistlichkeit in staatliche Ämter berufen. Erst der Druck aus Moskau scheint die afghanischen Kommunisten zu der Einsicht gezwungen zu haben, daß für einen Friedensschluß wirkliche Konzessionen an die aufständischen Glaubenskrieger nötig sind. Deren Führer freilich haben Nadschibullahs Angebot sogleich als bloße Propaganda abgelehnt. Sie fordern vor allem den bedingungslosen Abzug der sowjetischen 115 000 Soldaten.

Die sowjetische Führung macht allerdings deutlich, daß sie für einen Ausweg aus dem afghanischen Dilemma ihren Preis zu zahlen bereit ist: Außenminister Eduard Schewardnadse, der zusammen mit dem für Außenpolitik zuständigen ZK-Sekretär Anatolij Dobrynin wenige Tage nach Nadschibullahs Rede den Afghanen besuchte, plädierte in der afghanischen Hauptstadt für ein „souveränes und unabhängiges“ Afghanistan, das eine „Politik der Neutralität und Blockfreiheit“ verfolgen solle. „Souverän“ und „unabhängig“ sind aus Moskauer Sicht natürlich alle kommunistischen Staaten, zu den „Blockfreien“ rechnen sich auch Moskaus kommunistische Freunde in Vietnam – aber „Neutralität“? Die Wahl dieses Begriffs deutete an, daß die Sowjetunion bereit sein könnte, in Afghanistan einen kostspieligen und belastenden Vorposten wieder aufzugeben.

Eine politische Lösung des Afghanistan-Konflikts sei also real und so nah wie noch nie, sagte Schewardnadse in Kabul; sie entspreche auch den Interessen der Nachbarn des Landes – ein Wink nach Pakistan, das sich für die Unterstützung des afghanischen Widerstandes wachsende innenpolitische Spannungen eingehandelt hat. Im Februar beginnen in Genf wieder die Gespräche zwischen der kommunistischen Regierung Afghanistans und den Pakistanis; Schewardnadse und Dobrynin haben ihren afghanischen Freunden offenbar schon jetzt Ratschläge für diese Verhandlungen auf den Weg gegeben. Hans Jakob Ginsburg