Von Heinz-Günter Kemmer

Ein Marsch der Stahlarbeiter auf Bonn in der heißen Phase des Wahlkampfes bleibt der Bundesregierung wohl erspart. Denn im Augenblick denkt die IG Metall nur daran, am „Aktionstag“, dem 16. Januar, in den Stahlstädten Kundgebungen zu veranstalten, mit denen auf die prekäre Lage der Branche und ihrer Beschäftigten aufmerksam gemacht werden soll. Franz Steinkühler, der Vorsitzende der Gewerkschaft, sieht jedenfalls Schlimmes voraus.

Für ihn beginnt jetzt die „zweite Phase der Umstrukturierung“, in der es nicht mehr wie bisher nur um die Ausdünnung der Belegschaften und die Aufgabe einzelner Produktionsbereiche geht. Nun ist die Existenz ganzer Standorte gefährdet. Nach drei durchweg zufriedenstellenden Jahren ist die Branche damit erneut in eine Krise geraten. Die Rohstahlproduktion ist 1986 um fast acht Prozent auf nur noch rund 37 Millionen Tonnen gesunken, gleichzeitig sind die Preise so gedrückt, daß beispielsweise Branchenfüher Thyssen für das laufende Geschäftsjahr mit einer Erlöseinbuße von 600 Millionen Mark rechnet.

Wenn in dieser Situation die europäische Stahlmarktordnung aufgehoben wird, was erklärtes Ziel der Brüsseler EG-Kommission ist, und die im Stahlkartell Eurofer zusammengeschlossenen großen Unternehmen den notwendigen Kapazitätsabbau künftig unter sich ausmachen, dann drohen – so Franz Steinkühler – die Vernichtung ganzer Standorte und Massenentlassungen. Eine Liberalisierung des Stahlmarktes würde seiner Meinung nach bei den vorhandenen Überkapazitäten „unfehlbar zu einem Chaos führen“. Und beim Kapazitätsabbau fürchtet der Metaller-Chef eine Lösung, die vor allem zu Lasten deutscher Stahlstandorte gehen werde.

Im Kampf gegen eine Liberalisierung des Stahlmarktes hat die IG Metall einen mächtigen Verbündeten: Auch die Stahlunternehmen selbst haben daran kein Interesse. Sie fürchten wie die Gewerkschaft, daß die von ihren Regierungen finanziell unterstützten europäischen Konkurrenten verstärkt in den deutschen Markt eindringen würden. So stellt Heinz Kriwet, zugleich Vorstandsvorsitzender von Thyssen Stahl und der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie, fest, daß die in Teilbereichen schon vollzogene Liberalisierung Konkurrenten aus anderen EG-Ländern dazu anreizt, mehr Stahl als bisher in der Bundesrepublik zu verkaufen. Die hohen Subventionszahlungen, die sie von ihren Regierungen erhielten, machten Preisunterbietungen möglich.

Vereint kämpfen IG Metall und Wirtschaftsvereinigung deshalb dafür, daß die Kommission den Unternehmen weiterhin vorschreibt, wieviel Stahl sie produzieren dürfen. So hätten diese keine Möglichkeit, durch Preisunterbietungen in fremden Revieren zu wildern – auskömmliche Preise für alle wären die Folge. Die Stahlunternehmen haben an die Quotierung aber noch ein anderes Interesse: Wenn sich die Eurofer-Partner über den Abbau von Kapazitäten einigen wollen, dann muß dem einen oder anderen die Stillegung bestimmter Produktionsanlage mit Geld schmackhaft gemacht werden.

Dieses Geld müßten die Unternehmen aufbringen, deren Wettbewerbslage durch das Ausscheiden eines Konkurrenten verbessert wird. Nur wenn die Quoten mindestens bis Ende 1990 Bestand haben, so Kriwet, könne auch ein Quotenhandel in Gang kommen. „Wer wird schon viel Geld in die Hand nehmen“, fragt er, „wenn er dafür nur ein kurzfristig wertvolles Stück Papier erhält?“