Der Präsident der Nationalen Brasilianischen Atombehörde, Rex Nazareth Alves, hat die Katze aus dem Sack gelassen: Brasilien ist in der Lage, den nuklearen Brennkreislauf zu schließen und die Atombombe zu bauen.

Der oberste Atomwächter des Landes hat eingestanden, daß unter der Leitung seiner Behörde CNEN seit 1979 Teile der Armee, Privatfirmen und Universitäten in einem Geheimprogramm mit Erfolg an der Entwicklung der Plutoniumproduktion gebastelt haben. Obwohl Brasilien nicht die Absicht habe, eine Bombe zu bauen, verfüge es jetzt aber über das notwendige Know-how, meinte der Ex-Oberst. In fünf bis zehn Jahren kann Brasilien das erste atomgetriebene Unterseeboot in See stechen lassen, ließ Nazareth weiter wissen,

Zwar hatte Präsident José Sarney im vergangenen Jahr erklärt, Brasilien strebe nicht die Entwicklung der Atombombe an. Wie weit aber in der jungen Demokratie die Macht der Zivilregierung über das Militär tatsächlich reicht, ist völlig offen.

Sarney und Raúl Alfonsín haben beim Besuch des argentinischen Präsidenten im Dezember vereinbart, langfristig an der gemeinsamen Konstruktion eines schnellen Brüters zu arbeiten, mit dem Plutonium in großem Ausmaß produziert werden kann. Hauptinteressent an dem Parallelprogramm ist sicherlich die Armee, die sich zwar nach Nazareths Worten der Nationalen Atomkommission unterordnet. Zweifel daran sind nach den Erfahrungen von einem Jahrzehnt Atomgeschäft in Brasilien aber mehr als angebracht.

Verschiedene Generäle hatten nach dem Falkland-Krieg auf eine beschleunigte Entwicklung von Atomwaffen gedrängt. Die Tatsache, daß drei englische Atom-U-Boote die gesamte argentinische Flotte in Schach halten konnten, wirkte wie ein Trauma.

Die Absichten der Militärs sind aber nur die eine Seite der Medaille. Ohne das deutsch-brasilianische Atomabkommen von 1975 wäre der Erfolg, darauf deutet alles hin, kaum möglich gewesen. Siemens samt Tochterfirma KWU hatten einen Vertrag über acht Kernkraftwerke, eine Urananreicherungs- und Wiederaufbereitungsanlage unterschrieben. Deutsche Bedingung für einen begrenzten nuklearen Technologie-Transfer war allerdings die Unterwerfung unter eine freiwillige Kontrolle durch die Internationale Atomenergiebehörde. Da Brasilien den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet hat, war die Kontrolle jedoch stets begrenzt und erfaßte nicht die Nationale Atombehörde. Mahnungen und Warnungen vor allzu großer Freizügigkeit gegenüber den Brasilianern wurden in den Wind geschlagen. Die Befürchtungen, daß die Brasilianer nicht sauber arbeiteten, hatte 1983 auch KWU-Direktor Gerold Herzog, der in Brasilien technischer Direktor des KWU-Vertragspartners NUCLEI war, bestätigt. Herzog meinte, Brasilien könnte innerhalb eines Jahres die Bombe bauen. Die Kritiker haben nun recht bekommen.

Der Direktor von Nuklebras, der Betreiber der brasilianischen Kraftwerke, Licinio Seabra, hat allerdings den Deutschen bescheinigt, daß ohne ihre Technologielieferungen die Armee und das CNEN bei der Herstellung von angereichertem Uran nur zögernd vorankommen werden, selbst wenn sie über die Technik verfügten,

Detlef Urban